4. August 2014

Tag 200 - Neues Land, neues Glück

20.02.2014


Moreh / Indien - Tamu / Myanmar


Unsere Indienexpedition ist zu Ende. Vielfältiger, spannender und nicht zuletzt nervenaufreibender kann ein Reiseziel wohl kaum sein. Auch wenn wir den heutigen Tag in den vergangenen Monaten mehr als einmal herbei gesehnt haben sind wir doch etwas wehmütig. Vor allem der touristisch noch wenig erschlossene, multikulturelle Nordosten des Landes hat es uns angetan. Dass wir hier zu zweit im eigenen Fahrzeug unterwegs sein konnten war großes Glück, denn bis 2011 war der Besuch dieses Gebietes nur mit Sondergenehmigungen des Innenministeriums sowie in einer mindestens vier Personen starken Gruppe mit Führer möglich. Um einige weltbildverändernde Erfahrungen reicher stürzen wir uns jetzt in ein ganz anderes Abenteuer.

Thank You And Good Bye Incredible India

Am Morgen des 20. Februar 2014 sind alle Teilnehmer der geführten Myanmartour in und um Moreh herum versammelt und der Großteil nimmt die derzeit bestreikte Indian Oil Tankstelle als Parkplatz in Beschlag. 


Der Streik, der bei einigen treibstoffbedürftigen Tour-Mitgliedern für Missmut sorgt, ist Ausdruck eines überregionalen politisch motivierten Protestes gegen die Regierung. Aktionen wie diese sind hier an der Tagesordnung um auf herrschende Missstände hinzuweisen. Ein weiterer aktueller Protest wirkt sich unmittelbar auf die gesamte Gruppe und den bevorstehenden Landeswechsel aus. 
Wir erfahren, dass die Grenze bis auf Weiteres geschlossen ist. Bereits in Imphal haben wir einen Zeitungsartikel über die Grenzschließung gelesen, aber natürlich gehofft, dass es uns nicht betreffen wird. Nun sieht die Sache anders aus. Grund der Grenzblockade sind zwei, auf burmesischer Seite, vermisste indische Händler, die am 11. Februar die Grenze überquerten. Indischen Staatsangehörigen ist es erlaubt für einen Tag ohne Visum nach Myanmar einzureisen. Bis fünf Uhr nachmittags muss aber die Rückkehr erfolgen. Die zwei Händler sind nun schon zehn Tage verschwunden und Indien versucht durch die Grenzschließung Druck auf Myanmar auszuüben, die Vermissten zu suchen. 
An allen Ecken und Enden in der Grenzstadt wird jetzt verhandelt was mit diesem Haufen Touristen geschehen soll. Auf der anderen Seite der Grenze wartet unser Reiseführer Jörn mit einer fast gleich großen Gruppe, die auf die indische Seite will. Familie Colinet berät sich sogar bei Bier und Red Bull mit einem Zöllner im Wohncontainer ihres Reise-LKW. Wir werden nur dürftig über den Stand der Verhandlungen informiert und zur Überbrückung der Wartezeit bietet der, inzwischen etwas angetrunkene, Beamte eine Stadtrundfahrt mit Grenzbesichtigung im zolleigenen Geländewagen an. 
Gegen 14.oo Uhr herrscht Klarheit: Die indischen Behörden öffnen die Pforten. Es geht los!
Aufgrund der Spannungen wollen sie sich vermutlich nicht noch mehr Probleme, in Form von herumlungernden Ausländern im Grenzgebiet ans Bein binden. Der Konvoi aus 19 Fahrzeugen setzt sich in Bewegung und rollt durch die Kleinstadt. 


Jetzt soll alles ganz schnell gehen. Ich werde sogar beim Wasser kaufen nahezu von der Straße gezerrt um auszureisen. Im indischen Immigration Office herrscht Hochbetrieb. Die Mitglieder der aus Myanmar kommenden Gruppe werden gerade abgefertigt. Soviel war hier wahrscheinlich noch nie los, denn normalerweise ist der Grenzübergang für Ausländer gesperrt. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung ist der Grenzübertritt gestattet. Wir füllen ein paar seltsame Formulare aus und dann kommt der EXIT-Stempel in den Pass! Gut gelaunt und voller Vorfreude fahren wir die staubige Grenzstrasse entlang und passieren das letzte indische Müllfeuer. 



Am Ende der Piste geht es scharf links auf die Indo-Myanmar-Friendship-Bridge. Jetzt sind wir raus aus Indien und wieder einmal ist plötzlich alles anders!



Wir parken die Reisegefährte am Straßenrand und zwar auf der rechten Seite. Aufgemerkt: in Myanmar herrscht wieder Rechtsverkehr! Die burmesischen Beamten sind unheimlich freundlich und bemüht und ihre Grenzstation erinnert eher an ein Nationalparkquartier als an eine offizielle Behörde. Jeder Gruppenteilnehmer muss im Hauptgebäude ein Formular ausfüllen und dann geht es zu Fuß einige hundert Meter weiter zum Abstempeln des Carnet de Passage. Hier wird uns während der kurzen Wartezeit Wasser gereicht. Sehr aufmerksam. Drei Stunden nach unserem Aufbruch an der Tankstelle  sind alle Formalitäten erledigt.






Die unheimliche Freude, die die meisten Mitreisenden, und auch wir empfinden, endlich in Myanmar zu sein wird getrübt durch die Tatsache, dass die beiden polnischen Radfahrer die Grenze nicht überqueren dürfen. Die Regeln und Gesetze des Landes sind strikt und werden 100%ig befolgt. Ihre Namen stehen nicht auf der offiziellen, von der Regierung genehmigten Teilnehmerliste. So wird ihnen die Einreise verweigert und die Beamten sind auf einmal gar nicht mehr so freundlich und nur noch bemüht die beiden Polen wieder nach Indien zu schaffen und uns von der Grenze zu verscheuchen. Yannick Colinet wird sogar verdächtigt Menschenschmuggel zu betreiben. Der Vorwurf wird nach Zahlung eines unbekannten Geldbetrages durch unsere Gruppenleitung zum Glück fallen gelassen. Korruption und Menschenrechtsverletzungen stehen hier an der Tagesordnung. Wir erfahren zum Beispiel später, dass die beiden vermissten Inder am heutigen Tag im Grenzgebiet ermordet aufgefunden wurden. 
Schweren Herzens überlassen wir die zwei Radfahrer ihrem ungewissen Schicksal, steigen in die Autos und fahren einige Kilometer weit in den nächsten Ort Tamu auf ein vollbespieltes Fußballfeld. Dieses wird heute Nacht unsere Unterkunft sein, denn aufgrund der zeitlichen Verzögerung erreichen wir unser geplantes Etappenziel Kalemyo leider nicht mehr. 



Myanmar und dessen Einwohner beeindrucken uns auf den ersten Blick. Während wir die kurze Strecke bis Tamu zurücklegen sehen wir unzählige lachende, winkende Menschen, die aus ihren einfachen, aber gepflegten und auf Stelzen gebauten Holzhäusern kommen um uns zu grüßen. Das ist unglaublich. Auf dem Fußballfeld feiern wir erleichtert, nun in einer großen Gruppe, in Maxs Geburtstag rein!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen