2. August 2014

INDIEN - Kolonialzeit, Kopfjäger und Gasmänner

Guwahati - Kaziranga - Kisama - Imphal - Moreh


Was liegt näher als nach dem Großstadttrubel ein wenig Natur zu genießen? Nichts, sagen wir uns und los geht es nach Kaziranga. Diesen Nationalpark wählen wir, nicht nur weil uns der Name amüsiert, sondern auch wegen der fast schon unnatürlichen Dichte an Großwild die hier herrschen soll. Vielleicht können wir zum nepalesischen Nashorn doch noch einen wilden Tiger oder Elefanten in unsere Sammlung aufnehmen. 
Die etwa 200 Kilometer lange Anfahrt gestaltet sich aufgrund einer muslimischen Highwayblockade eher beschwerlich aber über holprige Umwege schaffen wir es dann doch irgendwann und finden Unterkunft im Wild Grass Resort. Hierbei handelt es sich um eine sehr gediegene, gut besuchte Ferienanlage aus der britischen Kolonialzeit. Nach dem Check-In und der Überraschung, dass wir kostenlos Parken und im Auto übernachten dürfen, werden wir von einem anzugtragenden Angestellten in den großen Speisesaal des Hauptgebäudes geleitet. Nachdem die Menüabfolge fürs Dinner gewählt wurde macht uns der zuvorkommende Herr freundlich auf ein Buffet aufmerksam. Wie praktisch, offenbar sind wir pünktlich zur Tea Time angereist. Während es beginnt zu regnen nehmen wir "very british" mit Tee, Kaffee und Häppchen in komfortablen Korbsesseln auf der Veranda platz und beobachten die Kühe im Garten. Ja, wir sind noch immer in Indien. Einige interessante Gespräche mit weiteren Gästen und ein He-Man 9000 Ultra Super Strong Bier später wird im Speisesaal das delikate Abendessen serviert. Wir fühlen uns zwar etwas deplaziert im kolonialen, großwildjägerisch anmutenden Ambiente aber ein trockenes Plätzchen ist bei sintflutartigem Regen draußen schon eine gute Sache. Während des Hauptganges bringen die, vom Himmel stürzenden, Wassermassen die Stromversorgung zum Erliegen. Ein Raunen geht durch den großen Saal. Die Stimmung gleicht einem Miss Marple-Film, in welchem bunt zusammengewürfelte Personen in einem alten Herrenhaus zusammen treffen, der Strom ausfällt, und jemand die Gunst der Stunde nutzt um ein ungeliebtes Mitglied der Gruppe um die Ecke zu bringen. Während Max und ich noch darüber scherzen geht das Licht wieder an. Kein Gast ist tot. Wir beenden das Menü und ziehen uns anschließend, vom Luxus verwöhnt, auf den Parkplatz zurück. 
Am nächsten Morgen hat sich die Wetterlage nicht geändert. Nach dem Frühstück mit einem lustigen, netten indisch-bayerischen Paar lassen wir das Großwild Großwild sein und versuchen vor dem Regen zu flüchten, denn die hintere Türe des Cruisers ist leider nicht so dicht wie sie sein sollte.


Die Flucht misslingt. Es regnet den gesamten Tag, mal mehr, mal weniger. Kaum jemand ist unterwegs und sogar die Kühe stellen sich unter. Wir fahren nach Süden Richtung Kohima, der Hauptstadt Nagalands. Als wir die Bundesstaatengrenze erreichen werden wir das erste Mal von einer der zahlreichen Militäreinheiten in Nordostindien aufgehalten aber nur kurz kontrolliert. Anschließend passieren wir ein etwas furchteinflößendes Portal und sind angekommen im Staat der Naga. 


Diese sind vor allem berühmt für die Tradition des Kopfjagens. Bis ins 20. Jahrhundert und bis zum Einzug des Christentums war es hier gängige Praxis, den Kopf von Feinden abzuschlagen und als Trophäe mit nach Hause zu nehmen und zu konservieren. Durch dieses Verhalten ist der Ruf der Naga in der westlichen Welt nicht der Beste. Und das eigentlich zu unrecht. Nirgendwo haben wir bisher soviel Werbung für alternative Energiegewinnung und AIDS- bzw. Lepra-Aufklärungskampagnen gesehen wie hier. Außerdem machen die Einwohner einen sehr gebildeten, ruhigen Eindruck und fahren vernünftig Auto. 




Trotz des schlechten Wetters bestaunen wir die Umgebung. Es geht auf erdrutschgefährdeten Strassen durch wolkenverhangene Berge vorbei an riesigen Ananasfeldern. Zugegeben, der Warnhinweis "sinking ground, drive slow" weckt nicht unbedingt Vertrauen, aber doch ein gewisses Maß an Abenteuerlust. Im Feierabendstau von Kohima ist das Abenteuer dann auch schon wieder vorbei. Die Stadt liegt auf etwa 1400 Metern am Hang und in den engen Strassen scheint es für uns keinen ordentlichen, geraden Parkplatz zu geben. 



Ein Hotel wollen wir auch nicht beziehen, so entschließen wir uns weiter zu fahren. In etwa zehn Kilometern Entfernung liegt Kisama, ein Kulturdorf für die jährliche Ausrichtung des traditionellen Hornbill-Nagafestivals. Hier werden jeden Dezember viele Besucher erwartet, da muss es auf jeden Fall Parkmöglichkeiten geben. Im Dunkeln erreichen wir den tatsächlich riesigen Schotter-Matsch-Parkplatz und wir sind nicht allein. Hier steht schon ein Reisemobil mit deutschem Kennzeichen. Wir sind nicht besonders überrascht, denn so langsam wird es auch Zeit, dass wir auf andere Mitglieder der Myanmargruppe treffen, die sich alle irgendwo hier in der Gegend aufhalten müssten. Wir parken neben dem Klein-LKW und klopfen an. Drinnen sitzen Gaby und ihr Mann und bitten uns herein. Wir bekommen Suppe und Bier angeboten und finden das sehr nett, denn draußen regnet es noch immer wie verrückt und unsere Ausstattung ist alles andere als regentauglich. Nach kurzem Erfahrungsaustausch verlassen wir den doch sehr deutschen Wohncontainer wieder und gehen schnell schlafen. Die Nacht ist kalt, 6°C, und unerbittlich nass, vor allem auf Maxs Seite des Bettes, denn die Matratzen sind inzwischen schon ziemlich vollgesogen. 
Am nächsten Morgen haben sich die Regenwolken verzogen und unsere Nachbarn auch. Dachten wir zunächst, aber als wir aussteigen um Kaffee zu kochen sehen wir das Ehepaar und ihr Mobil vielleicht 15 Meter weit von uns entfernt stehen. Hä? Grund des Umzuges ist ein frischer Riss im aufgeweichten Boden. Genau an der Stelle an der ihr Fahrzeug vorher stand. Tja, sinking ground, be careful.



Die heutige Etappe führt uns auf einer schlechten Strasse durch die Berge, hinunter ins Imphal-Tal und in die gleichnamige Hauptstadt des nächsten Bundesstaates Manipur. Die Militärkontrollpunkte nehmen zu, aber wir sind gut ausgestattet mit zahlreichen Pass- und Visakopien und werden von den Soldaten immer sehr zuvorkommend und freundlich behandelt. Die Landschaft ist atemberaubend. Steile karge, braune Hänge wechseln sich ab mit bewaldeten und landwirtschaftlich genutzten flacheren Regionen. Im Hintergrund sehen wir sogar schneebedeckte Berggipfel in den blauen Himmel ragen. Ja, die Nacht war ganz schön kalt. Die Bergbewohner leben unter einfachsten Bedingungen und umso skurriler wirken mal wieder die Stromleitungen und Strommasten über den Dächern der kleinen Hütten, die die Strasse säumen. Wir treffen auf unheimlich herzliche, nette, lachende und winkende Menschen und freuen uns mit ihnen. Kaum zu glauben, dass dieses Gebiet immer wieder Austragungsort gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Separatistengruppen und Militär ist. 








Knapp fünfzig Kilometer von Imphal entfernt treffen wir auf zwei Radfahrer, die nicht sehr einheimisch aussehen. Natürlich halten wir an und kommen ins Gespräch. Es handelt sich um ein polnisches Paar welches bereits viele Monate unter dem Motto "getting nowhere" die Welt erkundet. Wir berichten von unserer bevorstehenden Myanmarreise und die beiden sind sofort sehr aufgeregt. Es ist ein Traum für sie Burma per Rad zu durchqueren. Bei einem der Aufenthalte in Guwahati haben wir Peter Smolka kennen gelernt. Auch ein passionierter Radfahrer, der momentan zum zweiten Mal um die Welt fährt. Er wird mit unserer Gruppe über die Grenze gehen und vielleicht können die beiden dem Tross auch noch beitreten. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und setzen uns wieder in Bewegung.
In Imphal angekommen gehen wir auf Gas-Mission, denn der Inhalt unserer, in Rumänien zum letzten mal befüllten Gasflasche geht zur Neige. Trotz des mühevoll selbstgebastelten und absolut funktionstüchtigen indisch-deutschen Befüllungsadapters sah sich bislang niemand in der Lage die Flasche aufzufüllen. Das sei zu gefährlich, sagt man uns an diversen Filling-Stations. Explosionsgefahr! Von Nord nach Süd und von Ost nach West kreisen wir erfolglos durch die Stadt bis uns an einer Tankstelle ein Soldat einen Tipp gibt. "Try bazar." Alles klar, hätten wir auch selber drauf kommen können. Zunächst heißt es erstmal: find bazar. Nach kurzer Zeit cruisen wir durchs Marktgetümmel und einige Gaszubehörgeschäfte später parken wir vor einem kleinen Eckgeschäft. Hier soll uns nun geholfen werden. Max schraubt unter zahlreichen neugierigen Blicken die Flasche vom Dach und verschwindet für lange Zeit mit einigen Männern in besagtem Geschäft. Ich warte im Auto und bekomme immer wieder von einem der Mitarbeiter Tee serviert. Irgendwann kommt durchs geöffnete Fenster zusätzlich zum Tee auch noch dezenter Gasgeruch, der stetig zunimmt. Dann taucht Max auf, setzt sich zu mir ins Auto und meint: "Mir wird das da drin zu brenzlig. Mach mal das Fenster zu und versteck dich hinter der B-Säule, falls der Laden in die Luft fliegt." Die Herren sind sehr beschäftigt mit der Gasumfüllung doch unser toller Adapter wird hierfür nicht verwendet. Stattdessen wird eine volle indische Gasflasche, mit einem kleinen Metallröhrchen als Zwischenstück, auf unser deutsches Modell gepresst. Es zischt und dampft wie verrückt. Während die Luft im Laden bereits flimmert und der Sauerstoff knapp wird kochen sie noch munter Tee im Wasserkocher und nutzen den Ventilator zur Gasverwirbelung. Jetzt kann man wahrscheinlich schon von Explosionsgefahr sprechen. Max zieht sich geschickt aus der Affäre und geht in ein Internetcafe um uns auf den neuesten Stand zu bringen. Ich bleibe hinter der B-Säule sitzen. Nach etwa dreißig Minuten klopft ein Mann mit den Worten "finished" ans Fenster. Ich steige aus und folge ihm. Auf der Straße riecht es noch immer massiv nach Gas und im Laden noch viel mehr. Um den Füllungsstand der Flasche zu eruieren muss diese gewogen werden. Um die Waage abzulesen brauchen wir auf jeden Fall Licht. Also, Lichtschalter an. Ich hoffe nur, dass nicht eines der elektrischen Geräte oder der wild verkabelte Schalter das Gemisch im Raum entzünden. Wir haben jetzt drei Kilo mehr Gas in der Flasche. Ein Kilo pro zehn Minuten, guter Schnitt und gute Arbeit. Für die Männer scheint das alles nicht besonders aufregend zu sein. Max kehrt zurück und es geht ans Bezahlen. Der Ladenbesitzer verkündet, dass es etwas teurer wird und begründet dies mit den Worten: "Sorry, big loss." Ja genau. Das kann man tatsächlich als großen Verlust bezeichnen. Wir zeigen vollstes Verständnis und sind dankbar, dass er uns die Flasche überhaupt aufgefüllt hat. Nach einem kurzen englischen Small-Talk mit der goldigen kleinen Tochter des Ladenbesitzers bekommen wir noch ein paar Rupees Rabatt und verlassen den Schauplatz. 
Die Dauer der Aktion veranlasst uns, heute ein Hotelzimmer aufzusuchen. Die nächste Unterkunft die wir finden ist eher hochpreisiger Natur. Aber da wir hier zufällig Michael und Gisela wiedersehen, ein deutsches Paar das auch mit einem Landcruiser reist, und das wir zum ersten Mal bei den Ellora-Höhlen getroffen haben, gönnen wir uns eine der Luxus-Suiten und verbringen einen schönen Abend zu viert.  
Am Morgen des 19. Februar 2014 starten wir die letzte Indienetappe der Tour. Ziel ist die 110 Kilometer entfernte Stadt Moreh an der indisch-burmesischen Grenze. Da wir ausreichend Zeit haben statten wir dem Loktak Lake im Süden Imphals  noch einen Besuch ab. Es ist der größte Süßwassersee in Nordostindien und Lebensgrundlage für etwa 100000 Menschen, die an und im See leben und arbeiten. Wir möchten nahe heran an das Gewässer und einen Blick auf die zahlreichen, zum Teil bewohnten, schwimmenden Inseln werfen, die auf der Oberfläche treiben. Also biegen wir von der Hauptstrasse ab auf einen Stichweg Richtung See. Nach einigen hundert Metern passieren wir einen Militärposten und werden gestoppt. Ein Soldat fragt nach unserem Anliegen. Wr möchten gerne den See sehen, erklären wir. Mit fragend-irritiertem Gesichtsausdruck sieht er uns an und zückt anschließend sein Mobiltelefon. Wir bieten ihm an umzudrehen und einen anderen Weg zu suchen, falls es hier problematisch ist. Er antwortet nur: "No, no, wait." Dann wird circa fünf Minuten telefoniert. Andere Soldaten kommen und gehen um uns zu besichtigen. Am Ende des Telefongespräches erhalten wird die Erlaubnis die Schranke zu passieren und weiter geht die Fahrt. Nur unweit vom Stützpunkt entfernt endet der Feldweg auf dem wir unterwegs sind vor einem Haufen Schilf. Einen Weg am See entlang gibt es nicht und wir haben auch keinen besonders hübschen Aussichtspunkt gewählt. Jetzt verstehen wir auch den irritierten Gesichtsausdruck des Soldaten. Der wundert sich vermutlich immer noch was wir dahinten wollen. Keine zwei Minuten nachdem wir die Schranke passiert haben kehren wir schon wieder zurück, bedanken uns nochmals und sagen freundlich "Auf Wiedersehen". Jetzt wundert sich der Mann bestimmt noch mehr. Im weiteren Tagesverlauf verlässt uns das Navigationsgerät und wir pirschen uns entsprechend der richtigen Himmelsrichtung auf Feldwegen am See und an einem Flusslauf entlang. Wir haben saumäßig Spaß und genießen die wundervolle Aussicht.










Nach einigen Stunden ländlicher Idylle sind wir zurück auf dem Highway Richtung Myanmar. Eine kerzengerade Strasse führt durch eine weite Ebene. Am Horizont erstreckt sich die Bergkette der Grenzregion. Inmitten dieser Gebirgslandschaft liegt unser Ziel. Mit der Nachmittagssonne im Rücken schlängeln wir uns bergauf und bergab. Je näher wir der Grenze kommen um so häufiger tauchen Militärstützpunkte auf den Berggipfeln und in den Tälern auf. Zweimal werden wir angehalten und kontrolliert. Die Soldaten erkundigen sich nach unserem Vorhaben, begutachten Pässe inclusive Visa und werfen meist nur einen kurzen Blick ins Fahrzeug. Dann dürfen wir weiter. Am zweiten Kontrollpunkt, nur unweit von Moreh entfernt, steht einige Autos vor uns der riesige MAN-Kat der französischen Familie Colinet, die wir aus Nepal kennen. Und wen haben die Franzosen da an Bord? Einige Soldaten, die das Fahrzeug inspizieren und unsere polnische Radfahrerbekanntschaft vom Vortag. Fantastisch! 






Die Sonne geht unter und wir erreichen in der Dunkelheit eine Tankstelle vor den Toren der Grenzstadt. Diese scheint der Sammelplatz für alle Teilnehmer der Gruppenreise durch Myanmar zu sein, denn es sind bereits etliche Fahrzeuge unterschiedlichster Größe dort versammelt. Wir finden einen Stellplatz für den Cruiser und treffen alte Bekannte und neue Mitreisende. Morgen ist der große Tag. Alle zusammen sind wir bereit. 


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