24. Juli 2014

INDIEN - Unter Pfadfindern

Shillong - Guwahati 


Bevor wir die Pfadfinder und Shillong verlassen erhalte ich von der goldigen nepalesischen "Dame für Alles" im Hauptquartier noch ein Abschiedsgeschenk. Sie lacht verschmitzt und reicht mir ein kleines grünes Blatt gefüllt mit einer halben Betelnuss und etwas Minzpaste. Seit Ostpakistan ist der Betelnusskonsum der Bevölkerung überall an ihren roten Stummelzähnen, dem schwindenden roten Zahnfleisch und den roten Speichelflecken am Boden gut zu erkennen. Hier in Shillong scheint fast jede Person mit dem Kauf, dem Kauen, dem Zubereiten oder dem Ausspucken der Nusspaketchen beschäftigt zu sein. 
Ich schaue mein Geschenk offenbar sehr fragend an. Jedenfalls verdeutlicht mir die Frau das gefüllte Blatt einfach in den Mund zu stecken und kräftig darauf rum zu kauen. Das Geschenk abzulehnen wäre sehr unhöflich. Große Lust die Genussmittelnuss zu kauen habe ich allerdings auch nicht. So zögere ich noch ein wenig. Mein Gegenüber interpretiert das Zögern als Zeichen des Unverständnisses und schiebt sich ein identisches Päckchen zwischen die bereits betelnuss-roten Zähne und winkt mir zu es ihr einfach gleich zu tun. Also gut, Augen zu und durch. Rein in den Mund mit dem Ding. Irgendwie interessiert es mich ja ehrlicherweise auch. Schlimmer als das, nach Seife schmeckende, Kauzeugs in Pakistan wird es schon nicht sein. Max und die Frau, einschließlich ihrer Familie, stehen neben mir, grinsen und warten was passiert. Die Nuss ist unglaublich hart. Nachdem ich sie in kleinere Stücke zerteilt habe entfaltet sie ihr unglaublich bitteres Aroma und Sekunden später ist mein Mund komplett taub. Das ist jetzt aber nicht so lecker und tatsächlich schlimmer als Seifengeschmack. Mein Gesicht spricht wohl Bände, jedenfalls erhalte ich unter lautem Gelächter die Erlaubnis mich des betäubenden Ungetüms zu entledigen. Ich spucke die Nussteile auf den sauberen Pfadfinderhof und bedanke mich für das Geschenk. Die Frau lacht (mich aus) und kaut genüsslich weiter. Die Betelnuss wird sicher nicht mein Freund und schon gar nicht zum Frühstück obwohl die anregende Wirkung dieses Genussmittels nicht von der Hand zu weisen ist.
Jetzt ist es endgültig Zeit den Rückweg anzutreten. Nachdem wir in den letzten Tagen rund 140.000 indische Rupees an diversen Geldautomaten der Umgebung ergattert haben quillt unser kleiner Safe fast über und wir sind bereit für den hoffentlich letzten Geldwechselversuch bei Thomas Cook in Guwahati.
Nach einer spektakulären Anfahrt (siehe INDIEN - Ein Wahnsinn auf vier Rädern) überqueren wir erneut die ungeliebte Stadtgrenze und finden uns mit allen nötigen Dokumenten in der ebenfalls ungeliebten Filiale ein. 
Wir können es kaum glauben: Für uns sind heute aller guten Dinge drei! Das dritte Mal Guwahati, der dritte Besuch in einer Thomas Cook Filiale und nach etwa zwei Stunden und etlichen Formularen, Unterschriften und Kopien verlassen wir das Büro mit brandneuen, ungefalteten Dollarnoten! Das jetzt noch fehlende Restgeld wird uns zu einem ungeheuren Kurs von einem Freund des Myanmar-Reisegruppenleiters an die Grenze geliefert. Das war auf die Schnelle nicht die günstigste aber die einfachste Möglichkeit den Restbetrag aufzutreiben. Trotz des Gefühles bei diesen Wechselgeschäften übers Ohr gehauen zu werden sind wir nun unglaublich erleichtert, dass sich die nervige Geldgeschichte endlich erledigt hat!
In sechs Tagen steht der Grenzübertritt an. Also, was tun mit der verbleibenden Zeit? Der Tag neigt sich schon wieder dem Ende zu und wir beschließen Mr. Lazars Übernachtungsangebot in Anspruch zu nehmen. Allerdings wissen wir weder wo er wohnt, noch haben wir eine Telefonnummer von ihm. Um die nötigen Informationen einzuholen müssen wir durch dichten Verkehr zurück zu Don Bosco. Hier werden wir auf dem Parkplatz bereits erwartet, da unsere Rückkehr von den Pfadfinderkollegen aus Shillong für heute Mittag angekündigt war. Wir bedanken uns nochmals für die entgegengebrachte Gastfreundschaft und dann setzt uns der Pater Carlton, seinen "Mann des Vertrauens", ins Auto um uns den Weg zu weisen. Der arme Mann fühlt sich im linksgesteuerten Fahrzeug sichtlich unwohl, versucht aber seine Angst vor drohendem Unheil zu verbergen. Ohne Probleme erreichen wir Mr. Lazars Wohnung, die sich wiederum am anderen Ende der Stadt befindet. Er wohnt in einer schmalen, dunklen Strasse in einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus am Hang mit einem Hof der nur unwesentlich größer ist als der Cruiser. Max und ich sind uns einig, dass dies einer der seltsamsten Übernachtungsplätze der Reise ist, aber im Schlaf ist die Umgebung sowieso egal. 


Die nächsten 40 Stunden sind wir im Dreiergespann mit Mr. Lazar unterwegs. Nur die Schlafphasen verbringen wir getrennt. Wir im Hof, er in einem kleinen Moskitonetz-Zelt auf seiner Couch. Ein echter Boy Scout eben. Seine Freude uns zu Gast zu haben und rundum zu versorgen ist riesig. Im Laufe der Tage werden wir bewirtet mit Fertignudeln aus Bangladesch, einem Topf voller Toast, der den schönen Namen "Tuf Puf" trägt inclusive köstlicher, gesunder Methi-Pickles und dem besten Chicken-Curry der gesamten Indienreise! Er ist kaum zu bremsen und wir sind froh, denn so viel Gutes und Unbedenkliches haben wir lange nicht gegessen. 


Meist sitzen wir zusammen und Mr. Lazar berichtet aus seinem ereignisreichen, sehr beeindruckenden Leben. Ab und zu habe ich die Ehre mit seiner Familie zu telefonieren und kann unseren Gastgeber, der die Nächstenliebe offensichtlich zu seinem obersten Gebot erhoben hat, in den Himmel loben. Wir dürfen unsere Wäsche waschen und machen zusammen einen Ausflug ins Internetcafe. Wenn wir morgens die Köpfe aus dem Cruiser strecken ruft Mr. Lazar schon aus dem dritten Stock: "Good morning, you like coffeeeee?" Unsere gemeinsamen Aktivitäten gipfeln im Besuch der "International Tradefair - Ausstellung", einer Art "Leben, Wohnen, Freizeit auf asiatisch.  Hier bieten Aussteller aus Nordostindien, Bangladesch, Thailand und Pakistan landestypische Ware an. Endlich gibt es neue Schlappen für mich und wir schlagen uns die Bäuche voll. Mr. Lazar ist sichtlich stolz uns als Gäste präsentieren zu können und wir spielen im zu Liebe gerne mit.



Bevor wir unsere Reise am 16. Februar fortsetzen um noch mehr vom schönen Nordosten zu sehen gibt es natürlich noch ein ausgiebiges Frühstück, ein Lunch - Paket, einen Besuch bei den Mietern im ersten Stock und viele viele Geschenke. Wir wollen uns natürlich revanchieren und versuchen Mr. Lazar auch etwas zu schenken. Einen Klappspaten und einen Wasserfilter für seine pfadfinderische Tätigkeit halten wir für nützlich und angemessen. Er freut sich darüber, packt allerdings auf unseren Geschenkehaufen noch zwei Don Bosco T-Shirts und eine 50 Rupees only LED-Leuchtlaterne. Wir geben das Schenken auf und danken ihm einfach tausendfach für die gute Zeit.