13. Juni 2014

INDIEN - Die Nordostüberraschung

Siliguri - Guwahati - Shillong - Cherrapunji (Sohra) - Shillong

Von Kalkutta aus führen nicht viele Strassen ohne größere Umwege in den geographisch abgelegenen Nordosten. Genauer gesagt sind es zwei. Dementsprechend herrscht ein immenses Verkehrsaufkommen und wir werden mit den breitesten, tiefsten und zahlreichsten Schlaglöchern der Indienrundreise konfrontiert. Erschwerend kommt hinzu, dass wir offenbar wieder im Müllgürtel des Landes angekommen sind welcher uns beim ersten Aufenthalt im Oktober schon fast um den Verstand gebracht hätte. 





So quälen wir uns und den Cruiser voran und sehen dem Moment mit Freude entgegen an dem wir Indien endlich verlassen können. Am nächsten Tag erreichen wir den Siliguri-Korridor, Indiens schmalsten Landstrich. Rund 10 Kilometer trennen uns links von Nepal und rechts von Bangladesch. Das geschichtsträchtige Gebiet und die Spannung was im "wilden" Nordosten wartet stimmen uns wieder abenteuerlustig und zum wiederholten Mal wird uns bewusst, dass wir tatsächlich mit dem Auto hierher gefahren sind. 
Kurze Zeit später spuckt uns der Korridor ohne Vorwarnung aus in eine andere Welt! 
Dass unser Wunsch nach Veränderung so schnell in Erfüllung geht hätten wir nicht für möglich gehalten. 
Umgeben von intakter, reiner Natur wundern wir uns einen Augenblick über das plötzliche Verschwinden der anderen Verkehrsteilnehmer und rollen auf gut asphaltierten Straßen hocherfreut dahin. Der Wandel geht sogar soweit, dass Max viele Einheimische aufgrund ihres nicht-indischen Aussehens und unaufdringlichen Verhaltens zu Beginn für Touristen hält.



Nördlich des wasserreichsten Stromes Asiens, dem Brahmaputra, und nahe der Grenze zu Buthan führt uns ein im Bau befindlicher Highway Richtung Osten. Die Umgebung ist nahezu menschenleer. Hunderte von Kilometern sehen wir Felder, in der Ferne Wälder und selten kleine, nicht besonders einladende Siedlungen der hier ansässigen Bauern. Unsere Euphorie endlich das überbevölkerte und chaotische Indien verlassen zu haben wird gedämpft durch die seltsame, sogar etwas beängstigende Stimmung in diesem Landstrich. Vielleicht sind wir auch nur irritiert über die ungewohnte Einsamkeit die uns hier umgibt. Wie auch immer. 




Die Stille währt sowieso nicht ewig, denn wir erreichen Guwahati, die größte Stadt der Nordoststaaten mit etwa 1 Million Einwohner. Hier ist alles wieder indisch. Bei Einfahrt in die Stadt wird kurzerhand etwa 80 Meter vor uns ein riesiger Felsbrocken in die Luft gesprengt, in der Stadt explodiert eine Wasserleitung neben unserem linken Hinterreifen, ein Internetshopbetreiber verliert Maxs Personalausweis und wir stehen im Stau. Hätten wir nicht noch das 2000 USD-Wechselproblem würden wir diesem unschönen Ort wohl postwendend den Rücken kehren, aber das ist leider nicht möglich. 
Bei Thomas Cook in Kalkutta wurden wir freundlich auf die Filiale in Guwahati verwiesen. Hier wäre das Geldwechseln kein Problem, sagte man uns. Mal sehen ob das wirklich stimmt. Am folgenden Werktag statten wir dem Büro den ersten Besuch ab. Nach langer Diskussion am Schalter ist klar, dass die Mitarbeiter in Kalkutta uns falsch informiert haben und das Geldwechseln doch ein Problem ist. Wir können hier frühestens 7 Tage vor Ausreise maximal 50.000 Indische Rupees pro Person tauschen. Dies entspricht einer nicht ausreichenden Gesamtsumme von circa 1680 US-Dollar. Immerhin ist das schonmal besser als gar nichts und es bleibt noch Zeit um die fehlenden Dollars aufzutreiben. 
Nach diesem wenig erfolgreichen Vormittag wollen wir nur noch raus aus dieser Stadt. Nicht weit entfernt liegt der Pobitora National Park. Hier sollte es doch ein feines Plätzchen für uns geben um die verbleibende Wartezeit in schöner Umgebung zu verbringen. Aber weit gefehlt. Nach einer wunderschönen Anfahrt landen wir vor dem Eingangstor des Nationalparks und klappern die wenigen Unterkunftsmöglichkeiten ab. Niemand hat wirklich Interesse ausländische Gäste aufzunehmen, schon gar nicht wenn sie im eigenen Auto übernachten wollen. Kurz vor Sonnenuntergang entscheiden wir uns dann schweren Herzens die Rückfahrt nach Guwahati anzutreten und die Schlafplatzsuche dort fortzusetzen. Eine weitere Nacht in einem verdreckten, überteuerten Schimmelzimmer ist ausgeschlossen. Deshalb kurven wir etwa zwei Stunden im Dunkeln durch die überfüllte Stadt aber ein vernünftiger Stellplatz offenbart sich nicht. Enttäuscht von diesem blöden Tag und mördermäßig hungrig gehen wir erstmal in einem kleinen aber durchaus gut sortierten Supermarkt einkaufen. An der Kasse entwickelt sich eine Unterhaltung mit den zahlreichen jungen Mitarbeitern und einer meint wir sollten doch bei der Don Bosco-Gemeinde um die Ecke nach einem Übernachtungsplatz fragen. Die netten Jungs tragen uns noch die Tüten zum Auto und wir versuchen unser Glück. Tatsächlich stehen wir etwa  zehn Minuten später auf dem großen Parkplatz der Don Bosco-Kirche und werden vom zuständigen Pater herzlich begrüßt und aufgenommen. Die heutige Odyssee hat endlich ein Ende und wir sind überglücklich und dankbar!





Der folgende Tag steht ganz im Zeichen Don Boscos. Morgens folgen wir der Frühstückseinladung des Paters zu Kaffee, Marmeladetoast und Salzananas und werden umfassend über die Gemeindearbeit, die Etablierung des Christentums in Nordostindien und die Weltreligionen informiert. Wir geben uns große Mühe den intellektuellen Standard dieses Gespräches aufrechtzuerhalten, aber unser eher geringes Halbwissen bezüglich dieser Themen und meine Religionslosigkeit tragen nicht unbedingt dazu bei. Der Pater nimmt es uns zum Glück nicht übel und wir beschränken uns zur Vermeidung weiterer Peinlichkeiten aufs Zuhören und Berichten von unseren Reiseerfahrungen. 
Zurück auf dem Parkplatz erwecken wir das Interesse einiger Lehrer der katholischen Don Bosco-Schule nebenan. So lernen wir Mr. Rafael Alphonse Lazar, den Sportlehrer und passionierten Pfadfinder, kennen. Er ist völlig begeistert von unserem Fahrzeug und der gesamten Tour und kaum zu bremsen. Im Handumdrehen finden wir uns im Inneren der noblen Privatschule auf einem Rundgang wieder. Voller Stolz präsentiert uns Mr. Lazar seinen Arbeitsplatz. Wir besichtigen das Basketballfeld, das Fitnessstudio, die Tischtennis- und Tennishalle, das Schwimmbad, die schuleigene Kapelle und das Theater. Zum Abschluss der Besichtigung haben wir die Ehre vom Schuldirektor empfangen zu werden und bekommen von Mr. Lazar zwei original thailändische Boyscout Hip-Hop Kappen und Kalender geschenkt. 


In Schulen wie dieser wird also die indische Elite ausgebildet. Einerseits sind wir beeindruckt, andererseits erneut schockiert, denn wir bemerken ein weiteres Mal, dass die sozialen Unterschiede in diesem Land kaum größer sein könnten. Die Schule wird Don Boscos Prinzipien natürlich gerecht und veranstaltet nachmittags kostenfreie Unterrichtsstunden für Kinder mittelloser Eltern. 
Nach der erkenntnisreichen Schulbesichtigung begleitet Mr. Lazar uns zurück zum Auto und fragt nach unseren weiteren Plänen. Wir wollen morgen nach Shillong, denn die Stadt wurde uns von vielen Indern und anderen Reisenden oft empfohlen. Das trifft sich gut, meint Mr. Lazar. Er habe dort lange Zeit im Pfadfinderhauptquartier gearbeitet und darum lässt er es sich nicht nehmen sofort einen Schlafplatz für uns zu organisieren. Bevor der nette, herzensgute Mann uns in seinen wohlverdienten Feierabend verlässt lädt er uns ein bei unserem nächsten Aufenthalt in Guwahati in seinem Hof zu parken und bei ihm zu Gast zu sein. Wir nehmen sein Angebot dankend an.
Am nächsten Morgen verlassen wir die Stadt und den hinduistisch-islamisch geprägten Bundesstaat Assam in Richtung Süden. Die Fahrt geht bergauf durch die Khasi Hills, vorbei an beeindruckenden Steilhängen. Weil es so schön ist fahren wir einen Teil der Strecke gleich drei Mal, da Max bei einer kurzen Rast seinen Schlappen am Straßenrand verloren hat. Der gute Schuh ist zum Glück noch da. Wahrscheinlich weil hier sowieso niemand was mit Schuhgröße 45  anfangen kann. 
Stetig dringen wir tiefer ein in den Staat Meghalaya. Dieser nimmt nicht nur in Indien, sondern weltweit eine Sonderstellung ein. Es handelt sich tatsächlich um eines der wenigen Matriarchate der Erde. Hier nehmen Frauen eine zentrale Rolle in Gesellschaft und Religion ein. Diese, insbesondere für moderne indische Verhältnisse ungewöhnliche Gesellschaftsform, ist hier sogar verfassungsrechtlich verankert. Frauen und Mädchen werden hoch geachtet, sind Oberhäupter der Familie und durch Besitztümer unabhängig. Trotz britischer Kolonialisierung und christlicher Missionsarbeit haben die Khasi, das hiesige Volk, diese Form des Zusammenlebens und ihre Traditionen bis heute aufrechterhalten und sind zurecht stolz darauf. ("Khasi" bedeutet übrigens "von einer Frau geboren".)
Wir fühlen uns sehr wohl. Irgendwie ist alles friedlicher und "normaler" als in den vergangenen Wochen. Es tut richtig gut endlich wieder respektvollen Umgang mit Mensch und Natur zu sehen! 
In Shillong werden wir herzlich mit Tee und Snacks im Meghalaya Bharat Scouts & Guides-Hauptquartier empfangen. Die gesamte Belegschaft kommt zusammen um uns zu sehen, willkommen zu heißen und zu interviewen. Die ehrliche, kraftvolle, bodenständige und weltoffene Art der Mitarbeiter ist verblüffend. Wir führen sehr gute Gespräche mit ihnen und erfahren unter anderem, dass diese Art in Meghalaya Standard ist. Das wird immer besser hier! Während unseres Aufenthaltes werden wir umsorgt mit gutem Essen, einem feinen Übernachtungsparkplatz und nicht zuletzt einer fantastischen heißen Dusche, die auf kalten 1500m auch bitter nötig ist. 



Die Hauptstadt des Staates überrascht uns genauso wie die Bevölkerung hier. Es ist sauber, es wird kaum gehupt, der Verkehr ist überschaubar und geregelt, die Polizei nimmt ihre Aufgabe tatsächlich ernst und es gibt eine, wir trauen unseren Augen nicht, Fußgängerzone!
Max gibt sich dem Einkaufsrausch in Wohlfühlatmosphäre hin. Etwa zwei Stunden später verlassen wir die Zone mit einem riesigen Moskitonetz, einem neuen Badezimmerspiegel, einer stabilen Wäschebürste, einer schicken Jeans und einem absolut europatauglichen Pullover. 


die erste echte Fußgängerzone seit Istanbul

Unsere Gastgeber zwingen uns förmlich zu einem Ausflug nach Cherrapunji. Wir widersprechen nicht und machen uns auf den Weg. Die Strasse schlängelt sich weiter Richtung Süden durch die Khasi Hills, die nun mit jedem Kilometer ihr Gesicht verändern. Nach üppigem Grün erreichen wir ein Hochplateau. Ab sofort säumen Nadelbäume den Weg. Einige Zeit später cruisen wir unter blauem Himmel bei Sonnenschein durch fast menschenleere bräunliche, vertrocknet wirkende  Steppe. 
Kaum zu glauben, dass dies der regnerischste Platz der Erde sein soll!








Jedes Hochplateau hat irgendwann ein Ende, so auch dieses. Nachdem wir zuerst am falschen Ende vor einer fürchterlichen Zementfabrik stehen werden wir am richtigen Ende belohnt mit einem fast klaren Blick hinunter nach Bangladesh. Der Aussichtspunkt ist menschenleer und der Wind bläst wie verrückt. Wir stellen uns vor, wie das alles wohl während des Monsun aussieht wenn Wassermassen die steilen Felswände ins Nachbarland hinabstürzen. Wir bleiben eine ganze Weile an diesem außergewöhnlichen Platz, genießen die Einsamkeit und sind nicht mehr irritiert von ihr.





Auf dem Rückweg bleibt noch Zeit für einen Abstecher in die Mawsmai-Höhle. Hier treffen wir zum ersten Mal an diesem Tag auf andere Touristen. Gemeinsam klettern wir in der großen Tropfsteinhöhle herum bis das vermeintliche Ende erreicht ist. Durch ein kleines Loch geht es allerdings noch weiter. Max und ich schlüpfen hindurch und plötzlich folgen uns etwa 15 Inder in einen hierfür viel zu kleinen Höhlenabschnitt. Beleuchtung gibt es keine mehr, wir haben keine Taschenlampe und der Ausgang ist mit Touristen verstopft. Ich habe den Eindruck, dass die Luft doch recht schnell knapper wird und wir brechen die weitere Expedition an dieser Stelle ab um nicht allesamt dem Erstickungstod zu erliegen.




Draußen am Auto warten bereits einige neugierige Einheimische auf uns. In den Dreck unserer Scheiben haben sie bereits "Welcom" geschrieben und wir unterhalten uns kurz mit den äußerst netten Anwohnern ohne dabei, wie bereits gewohnt, unangenehm angeglotzt zu werden. Wunderbar!
Nach Shillong zurück führt nur ein Weg - der den wir auch gekommen sind. 
Aber das macht gar nichts, denn diese Straße ist eine der Schönsten auf unsere Reise!