11. Mai 2014

INDIEN - Die Ostküste

Thanjavur - Pondicherry - National Highway 5 - Puri - Kalkutta

Unser letzter Tempelbesuch ist definitiv schon viel zu lange her, deshalb beschließen wir in Thanjavur einen Zwischenstopp einzulegen. Das trifft sich gut, denn die Stadt liegt auf halbem Weg zwischen Kodaikanal und Pondicherry. Außerdem gibt es hier den schicken Brihadeeswara-Tempel zu sehen. Freundlicherweise dürfen wir auf einem Hotelparkplatz nächtigen und machen uns zu Fuß auf den Weg. Kurz vor Sonnenuntergang geben wir unsere Schuhe ab und starten den Besichtigungsrundgang, mal wieder barfuß. Die heilige Stätte ist gut besucht und wir haben schnell wieder mehr Hindu-Kontakt als wir eigentlich wollten. Die Aussenansicht des Gebäudes ist mächtig und wir wollen uns die Innenansicht natürlich nicht entgehen lassen. So schreiten wir hinauf zum Haupteingang, treten ein ins Innere und binnen kürzester Zeit stellen wir fest, dass das ein großer Fehler war. In einer leeren, von ungeschmückten Säulen gestützten Halle stehen wir für die nächsten fünfzehn Minuten barfuß auf klebrigem Boden mit hunderten Indern zusammengepfercht in einem Gatter an, um Shiva und somit dem Ausgang langsam näher zu kommen. Während der Wartephase sind wir natürlich die Hauptattraktion und werden ausgiebig beäugt, befummelt und bequatscht. So ein Mist, da haben wir in der Woche Kodaikanal doch tatsächlich verlernt wie das hier läuft. Am Ende des Gatters beginnt die Gebetsphase für alle Hindus und so gelingt uns nach einer gefühlten Ewigkeit die Flucht nach draußen. 
Wir treten den Rückweg an und besorgen uns für 5 Rupees only noch einen neuen Salzstreuer am Straßenrand. Nach Bezahlung des Haushaltsgegenstandes werden wir vom Verkäufer gewissenhaft instruiert dass der Deckel eine Offen- und Geschlossenstellung einnehmen kann. Die Erklärung der Funktionsweise ist ihm nicht genug und er demonstriert uns mehrfach das Wunderwerk der Technik, dass wir soeben käuflich erstanden haben. Herzlichen Glückwunsch, Indien hat uns wieder!






Auf dem Weg nach Pondicherry, der ehemaligen Hauptstadt Französisch-Indiens, erreichen wir das erste Mal die östliche Grenze des Landes und somit den Golf von Bengalen. Bis 1954 hatten die Europäer hier das Sagen und das Stadtbild Pondicherrys erinnert in der Tat sehr an heimische Gefilde. Auf der Strandpromenade dominieren Luxushotels, Edelkarossen und die Schönen und Reichen des Landes die Szenerie. Das passt alles nicht so recht zusammen und viel zu erkunden gibt es auch nicht. So verbringen wir einen Abend mit Pizza in der Stadt und setzten uns am nächsten Morgen wieder gen Norden in Bewegung.



Für die nächsten drei Tage und zwei Nächte dürfen wir den National Highway 5 unser Zuhause nennen. Tagsüber wird gefahren und bei Einbruch der Dunkelheit steuern wir die bewährten Tankstellenparkplätze für die wohlverdiente Nachtruhe an. Hauptsächlich bewegen wir uns in Andhra Pradesh, einem großen, landschaftlich eher öden Bundesstaat der touristisch nur unwesentlich erschlossen ist und für indische Verhältnisse ist hier nicht besonders viel los. 




Allerdings wird die weite Ebene in regelmäßigen Abständen durch monumentale Abbilder des Affengottes Hanuman etwas aufgepeppt. Die Darstellungen erinnern uns eher an einen Zeichentrickhelden, vielleicht einen Kumpel von He-Man, als an einen Heiligen und wiedermal stellen wir fest, dass wir den praktizierten Hinduismus nie verstehen werden.





Am dritten Fahrtag erreichen wir Orissa, den nächsten Bundesstaat, landschaftlich ändert sich nicht viel, nur die Hanumans sind verschwunden. Nach 1360 Kilometern Highway  wird es Zeit für einen Ausflug ans Meer. Hierfür soll sich Puri gut eignen, also, auf dahin! Für die letzten 70 Kilometer des Tages brauchen wir auf schlaglochbestückten Wegen mit Stau mindestens zwei Stunden und es ist dunkel als wir die Stadt erreichen. Wir versuchen das herrschende Verkehrschaos mit unserem Schmalspur-Navi zu umgehen, scheitern dabei aber kläglich. Während unserer Irrfahrt durch Sackgassen stellen wir fest, dass Puri mit einem schönen Küstenort, wie wir ihn uns vorstellen, nicht viel zu tun hat. Also versuchen wir doch etwas enttäuscht unsere auserwählte Unterkunft zu erreichen ohne auf der Straße liegende Obdachlose oder Tiere zu überfahren. Das vom Reiseführer angepriesene Hotel ist leider deutlich teurer als versprochen, aber es hat einen Parkplatz, einen hübsch gestalteten Innenbereich und eine hohe Mauer drum herum. All unsere aktuellen Bedürfnisse werden somit bedient und wir flüchten hinter die Barriere. Nach 515 Kilometern Fahrt, unserem bisherigen Tagesrekord im Land, ist es jetzt Zeit für die dringend nötige Dusche, ein feines Abendessen und ein Puri-Schock-Bier!
Den folgenden Tag verbringen wir hinter unserem Schutzwall im Hotel Gandhara und freuen uns außerdem sehr Helen und Jens am Abend wieder begrüßen zu dürfen. 



Die beschwerliche Anreise hat uns fast vergessen lassen, dass wir ja eigentlich einen Ausflug ans Meer machen wollten. Guter Dinge verlassen wir nun entspannt unsere Festung um die Stadt auch einmal bei Tageslicht zu sehen und der bengalischen See einen Besuch abzustatten. Es stellt sich heraus, dass alles gar nicht so schlimm ist wie wir dachten. Da Puri den berühmten Hindu-Jagannath-Tempel beheimatet ist es ein sehr beliebtes Ausflugsziel der Inder und wir sind froh hier endlich komplett bekleidete, vollständige Familien beim Strandspaziergang zu sehen. Von uns nimmt kaum jemand Notiz, und so haben wir die Möglichkeit im Sand herumzuschlendern. Wie so oft herrscht eine nicht-greifbare bizarre Atmosphäre, die aber auch den speziellen Reiz dieses unglaublichen Landes ausmacht.





Bevor wir uns am 2. Februar wieder auf den National Highway 5 Richtung Kalkutta begeben steht noch die Verabschiedung von Jelen und die Besichtigung des Sonnentempels in Konark an. Aufgrund des touristischen Ansturmes umrunden wir das Tempelgelände lediglich auf der äußeren Befestigungsmauer und werden auf Schritt und Tritt von einem ziemlich langweiligen IT-Futzi begleitet, der uns auf dem Parkplatz zu seinen neuen besten Freunden bestimmt hat. 





Einen Tag später stehen wir vor den Toren Kalkuttas und hoffen, dass uns der Slogan der Stadt "Welcome to the city of joy" Glück bringt für die Aufgaben, die wir hier zu erledigen haben. 



Wir benötigen:
1. ein 60 Tage gültiges Thailand-Visum und 
2. 2000 US-Dollar in brandneuen, ungefalteten Scheinen
Der erste Programmpunkt ist schnell abgehandelt. Aufgrund eines Feiertages halten wir unser Visum nach vier Tagen in Händen. Die 2000 Dollar-Geschichte gestaltet sich da schon deutlich schwieriger. Wir brauchen das Geld in bar um unsere Myanmar-Durchquerung zu bezahlen. Aufgrund positiver Erfahrungsberichte, was die Geldbeschaffung betrifft, steuern wir zunächst die State Bank of India an. Hier beißen wir trotz hartnäckiger Versuche auf Granit, ohne indisches Bankkonto bekommen wir gar nichts. Folgend wenden wir uns vertrauensvoll an Thomas Cook. Hier würde man uns gerne helfen, allerdings bekommen wir das Geld nur, wenn wir binnen einer Woche das Land verlassen, und die Reisegruppe startet leider erst in 21 Tagen. Die nächsten zwei Tage verbringen wir damit die unzähligen Bankfilialen und Reiseagenturen in unserem Viertel abzuklappern, unser Anliegen zu schildern und zu hoffen. Überall werden wir mit unterschiedlichsten absurden Gesetzen konfrontiert. Irgendwann kristallisiert sich heraus, das Ausländer nicht mehr als 10.000 indische Rupees (166 USD) in Fremdwährung auf legalem Weg bar ausgezahlt bekommen. Einige Male haben wir die Angestellten schon fast so weit, dass sie uns den gewünschten Betrag wechseln bis wieder einer den Vorgesetzten anruft und unser Traum hiermit zerplatzt. Das haben wir uns doch etwas einfacher vorgestellt. Nachdem wir unser Visum in der Tasche haben beenden wir die vergeblichen Wechselversuche und verlassen frustriert die Stadt. Auf Sightseeing haben wir jetzt keine Lust mehr auch wenn wir vom sagenumwobenen Kalkutta nicht besonders viel gesehen haben. Außerdem ist die Stadt weit weniger exotisch und chaotisch als wir sie uns vorgestellt haben. Das mag vorwiegend daran liegen, dass wir uns im gut situierten Viertel Ballygunge in New Kolkatta aufgehalten haben. Stadtauswärts fahren wir durch ärmere Bezirke und hier sieht es aus wie überall sonst in Indien. 





Unser Verhältnis zu Armut, Müll und widrigen Lebensumständen hat sich durch die Eindrücke der letzten zwei Monate sehr verändert. Der Mensch gewöhnt sich mit der Zeit tatsächlich an die unglaublichsten Zustände. Über den Nackigen der auf dem Highway sitzt und an seiner Nudel rumspielt wundern wir uns dann zum Glück doch noch.

8. Mai 2014

INDIEN - Der schöne Süden

Tholpetty - Mahinagudi - Bandipur - Ooty - Avalanche Road - Palani - Kodaikanal

Wir cruisen entspannt durch Tee- und Kaffeplantagen. Die frische Luft in der bergigen Landschaft ist eine Wohltat und zum absoluten Hochgenuss fehlt nur noch ein vernünftiges Essen. Im Reiseführer wird für dieses Problem die Unterkunft Pachyderm Palace in Tholpetty am Eingang eines Naturreservates empfohlen. Wir versuchen unser Glück, parken das Auto im Vorgarten des Guest Houses und werden nicht enttäuscht! Die vielen Safariangebote interessieren uns nicht, aber wenn Venu, der Betreiber der Unterkunft, auftischt sind wir sofort zur Stelle. Nach einem unglaublich reichhaltigen Mittag-, Abendessen und Frühstück ziehen wir weiter nach Südosten. Venu fährt noch ein Stück in die nächste Ortschaft mit um Hochzeitsvorbereitungen für seinen Sohn zu treffen und erzählt uns ausführlichst seine lange Lebensgeschichte. Zum Abschied schenken wir ihm für seinen Sohn eine Solarlampe für den Garten. Das ist zwar kein indisches Geschenk aber ich glaube er findet es gar nicht so schlecht.



Die Natur im Nationalparkgewirr ist wirklich beeindruckend. In einem Waldstück stoppen wir um uns das Lichtspiel zwischen den aufgeforsteten kerzengeraden Eukalyptusbäumen genauer anzusehen. 



Nach einigen Minuten besucht uns ein Mädel am Auto und schnell stellt sich heraus, dass sie Miriam heißt und auch aus Deutschland kommt. Sie ist mit Juz einem Inder aus der Gegend auf einer Royal Enfield unterwegs. Die beiden sind uns sehr sympathisch und wir beschließen ihrer Einladung nach Mahinagudi zu folgen. Erst besichtigen wir die umliegenden Täler von einem Aussichtspunkt, dann fahren wir im Motorrad-Auto-Konvoi auf ein, etwa 40 Kilometer entferntes, riesiges Grundstück mit Safari-Lodge und Elefanten-Elektrozaun. Holla! 





Max und Juz besorgen beschlagnahmtes Bier von der Polizei und wir verbringen einen feinen Abend mit Lagerfeuer, Stockbrot und Gemüseeintopf. Die beiden haben für den nächsten Morgen einen Ausflug in einen Nationalpark geplant und das hört sich auch für uns sehr gut an. Weniger gut ist die Abfahrtszeit um halb sechs in der Dunkelheit nach vier Stunden Schlaf und reichlich Bier. Aber was tut man nicht alles um die wilden Tiere zu sehen. Als wir am Hauptquartier des Bandipur-Parks ankommen hat die ganze Naturromantik schnell ein Ende. Wir nehmen nämlich an einer typisch indischen Safari teil: Mit vielen ängstlichen Indern werden wir in einen alten Dieselbus mit verdreckten Scheiben verfrachtet und schüsseln knatternd für 2 Stunden durch Wald und Steppe. Das Rotwild im Park ist bereits gut an die Dieselmonster gewöhnt und versperrt uns des Öfteren den Weg. Viele andere Tiere bekommen wir logischerweise nicht zu Gesicht, aber nach Abschluss der enttäuschenden Rundfahrt dürfen wir einen Elefantenbullen streicheln und mit einem Elefantenbaby spielen bis dessen Mutter aufgeregt das Spiel unterbricht. 




typisches indisches Rotwild


Das war sicher die erste und einzige indische Safari in unserem Leben! 
Gegen zehn Uhr sind wir wieder zurück in unserer Lodge und machen Pfannkuchenfrühstück. Dann trennen sich unsere Wege. Miriam und Juz fahren nach Bengalore und wir folgen einer haarnadelkurvenreichen Route nach Süden. 



Die Strecke von Mahinagudi über Ooty nach Mulli auf der Avalanche Road gehört hundertprozentig zu einer der Besten und Schönsten auf der gesamten Reise. Wir fahren so viele Kurven, dass unser Radlager wieder anfängt seltsame Geräusche zu produzieren. Zusätzlich kommt ein weiteres neues Geräusch aus dem Motorraum. Mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich um unsere Servopumpe der zu wenig Öl zur Verfügung steht. Während wir bergab kurven wird das Geräusch lauter und lauter. Zu Beginn war nur die Linkskurvenfahrt betroffen, gegen später surrt es kontinuierlich und besorgniserregend. Jetzt wäre ein bißchen Zivilisation gar nicht so schlecht um das Problem zu beheben. Lange Zeit sehen wir keine Menschen, keine Häuser und vor allem keine Ölverkäufer. Nach einigen geräuschvollen Kilometern im Tal finden wir eine Tankstelle und tatsächlich auch Servo-Öl! Die tankstellenbetreibende Familie kann unsere Freude über das kleine Plastikfläschchen nicht ganz nachvollziehen, verkauft es uns aber natürlich gerne zu einem sehr guten Preis. Die Pumpe hat zum Glück keinen dauerhaften Schaden genommen und wir können deutlich entspannter weiter reisen.






Jetzt sind wir in Tamil Nadu. Unserem Lieblingsbundesstaat Indiens, wie sich im Nachhinein herausstellen soll. Die Natur und die Anwesen der Einwohner sind gepflegt, Wasser und Wind werden zur Energiegewinnung genutzt und obwohl das alles einen fortschrittlichen Eindruck erweckt sind die Familen sehr stolz auf ihre alte Tradition, Kultur und Sprache. Wir passieren dutzende traditionelle Straßenfeste mit der üblichen verrückten lauten Musik und viel Tanz und Opfergaben. Nachdem wir Coimbatore, eine der größeren Städte hier, nahezu problemlos durchfahren haben fallen uns mehr und mehr barfüssige, orange gekleidete Menschen am Straßenrand auf. Sie laufen in Gruppen alle in eine Richtung und tragen bunt geschmückte schwere Holzgestelle auf den Schultern. Andere schieben und ziehen riesige Schreinwagen herum. Nachdem wir eine Tankstelle ansteuern um unser Nachtlager aufzuschlagen erfahren wir vom Personal, dass es sich bei all den Personen um Pilger handelt die exakt unserer Route folgen und sich zu hunderttausenden in Palani treffen um das Thaipusam-Hindu-Fest zu Ehren des Gottes Murugan begehen. Wir haben die Nachzügler überholt, der Großteil der Gläubigen ist also bereits vor Ort und wir sehen dem morgigen Fahrtag nun mit Spannung entgegen. Die Tankstellencrew kümmert sich herzlich um uns. Wir bekommen Abendessen geliefert, welches wir nicht am Auto zu uns nehmen dürfen, sondern das Allzweck-Kabuff zur Verfügung gestellt bekommen. 
Das war ein ereignisreicher Tag und morgen geht es auf 2200 Meter nach Kodaikanal!


Herzliche Grüße aus dem Kabuff
Die Pilger pilgern, zum Teil schon sehr gezeichnet von ihrer langen Wanderung und wir passen auf keinen von ihnen zu überfahren. Als wir Palani, das Epizentrum, erreichen ist das Chaos deutlich geringer als erwartet. Die Festlichkeit findet am tiefer gelegenen Flußufer statt und wir lassen die Ortschaft schnell hinter uns. 






Nach Kodaikanal führt eine schicke, wenig befahrene Bergstraße und wir genießen die Anfahrt. Die ehemals britische Hill-Station entspricht dann leider nicht ganz unseren Vorstellungen. Die Beschreibung im Reiseführer ist irreführend. Anstatt eines idyllischen Bergstädtchens finden wir uns im indischen Gewusel in einer doch recht großen Stadt wieder. Nach kurzer Internetrecherche machen wir uns auf den Weg zum Greenlands Youth Hostel etwas außerhalb der Stadt. Hier gibt es einen perfekten Parkplatz für den Cruiser und außerdem sind Tom, Simon und Isi, die Allgäuer Supertruppe, tatsächlich auch vor Ort. Jetzt lässt sich alles doch sehr gut an. Wir verweilen eine ganze Woche mit prächtiger, unverbaubarer Aussicht ohne Inder, dafür mit Kurzbesuchen eines riesigen Bison, allabendlichen Tanzveranstaltungen im kleinen Kreis mit Berghüttenatmosphäre und viel viel Schokolade. Denn die wird in Kodaikanal überall produziert und verkauft. 



die perfekte Unterkunft


Simon, Isi, Tom und Max



Am 26. Januar hat das faule Leben für uns ein Ende und wir treten den Rückweg nach Nordosten an um die Myanmar-Reisegruppe nicht zu verpassen.


Allgäuer Verabschiedungskommitee