19. Februar 2014

Tag 124 - 126 Shivas Rache

06.12. - 08.12.2013

Varanasi


Unsere Ankunft in der heiligsten Stadt der Hindus ist alles andere als heilig, denn es ist Stau. Wir kämpfen uns immer weiter bis nach einem gekonnten Einbahnstrassen-Umgehungsmanöver plötzlich alle Autos um uns herum verschwunden sind. Irgendwie sind wir in eine Art indische "verkehrsberuhigte Zone" geraten. Diese ist gefüllt mit hupenden Rikschas, Mopeds, Fahrrädern, nicht-hupenden Fußgängern und uns, ebenfalls hupend. Etwa zwanzig bis dreißig Minuten dauert unsere Altstadtdurchquerung. Der Straßenrand ist gesäumt von kleinen Läden, religiösen Schreinen und Straßenküchen. Abwechselnd riecht es nach Gewürzen, Frittierfett, Räucherstäbchen und Fäkalien. Am Ende landen wir auf einem Parkplatz direkt am Ganges, dem heiligsten aller indischen Flüsse, im Viertel Assi Ghat. Perfekter hätte es kaum laufen können. Assi Ghat ist überhaupt nicht assi sondern verhältnismäßig sauber und touristenfreundlich. Wir beziehen ein Guest House direkt an den Ghats, denn hier im Auto zu schlafen ist leider unmöglich.
Die Ghats sind treppenartig angeordnete große Stufen entlang des städtischen Gangesufers. Hier versammeln sich die Hindu-Pilger um sich und ihr Hab und Gut mit dem heiligen, lebensgefährlich mikrobiell verseuchten Flusswasser zu waschen. Hartgesottene trinken das verdreckte Nass sogar ohne mit der Wimper zu zucken! Von besonderer Bedeutung ist es für die Gläubigen nach ihrem Tod hier an den speziellen Burning Ghats verbrannt zu werden. Die Asche wird am Ende in den Fluss geworfen. So kann der Kreislauf der Wiedergeburt unterbrochen und die Erlösung erlangt werden. Die, die nicht genügend Geld haben um sich das nötige Holz für die Verbrennung leisten zu können müssen entweder wiedergeboren werden oder legen sich zum Sterben an eine der untersten Stufen und werden dann ins Wasser gestoßen und schwimmen davon Richtung Kalkutta oder Bangladesh.
Insgesamt hört sich das alles aber viel obskurer an als es in Wirklichkeit ist obwohl hier mächtig viele religiöse Freaks unterwegs sind. Die Atmosphäre der Stadt direkt am Fluss ist aber in der Tat irgendwie heilig und Varanasis Licht ist äußerst speziell. Fast wie Sonnenaufgang von morgens bis abends.
Als gute Touristen machen wir am nächsten Tag natürlich einen Ghat-Spaziergang. Als offensichtlicher Nicht-Hindu hat man hier leider kaum seine Ruhe. Alle paar Sekunden taucht jemand auf um eine Bootstour, Heilmassage oder Hennatätowierung zu offerieren. Einige Anbieter können sehr hartnäckig sein. So gerät Max in die Fänge eines alten Mannes, der schnell mit einer Handmassage beginnt. Max sagt "no, no stop it!". Der Mann lässt nicht locker und packt sich gleich darauf Maxs ganzen Arm und knetet wie verrückt daran herum. Sich loszureissen ist die einzige Möglichkeit den Masseur abzuschütteln, nicht sehr freundlich aber unumgänglich.
Abseits des Ganges und der großen Stufen sieht die Stadt schon ganz anders aus. Die engen Gassen sind vollgestopft mit Menschen, Kühen, Müll, tierischen und menschlichen Fäkalien und sonderlich spirituell fühlt sich das nicht an, eher eklig. "Varanasi ist ein großer Kuhstall." meint der Österreicher in unserem Hostel dazu, und er hat recht.
Dank der hygienisch äußerst bedenklichen Verhältnisse sucht uns eines Nachts dann Shivas Rache heim. Wieso sollten gerade wir vom berühmt berüchtigten Touristen-Brech-Durchfall dieser Stadt verschont bleiben. Die Problematik beschert uns eine weitere Nacht im Hotel. Das wäre alles nur halb so wild, wäre da nicht die "Aha"-Sprechgesang-Gurutruppe im Zeltverhau vor unserer Haustüre. Einmal im Jahr treffen sich diese Herren für vier Tage in Varanasi und wir haben das enorme Glück gleichzeitig da zu sein! Mit mindestens 100 dB tönt ihr pausenloses "Aha" emotionsreich aus typischen indischen Schepperlautsprechern, und zwar von morgens 8.00 Uhr bis nachts gegen 22.00 Uhr. Im Anschluß kommt dann gute indische Folklore, gemixt mit Bollywood-Pop! Wir sind äußerst unglücklich aber leider nicht in der Lage zu verschwinden.
Am nächsten Morgen besteht wieder Fahrtauglichkeit und wir ergreifen die Flucht! Deshalb gibt es leider nicht besonders viele Fotos dieser beeindruckenden Stadt am Ganges, aber nix ist besser als gar nix.





1. Februar 2014

Tag 123 + 124 Zeitreise

05.12. - 06.12.13

Unterwegs zwischen Raxaul und Varanasi

Jens und Helen haben ähnliche Indienpläne wie wir, so beschließen wir die nächste Zeit zusammen weiter zu reisen und treiben uns jetzt herum in Uttar Pradesh, Indiens fünftgrößtem Bundesstaat. Der ist kleiner als Deutschland, hat allerdings 200 Millionen Einwohner. Harte Nummer. 
Wir verlassen Raxaul und dann auch schnell den National Highway. Auf den Nebenstraßen fühlen wir uns deutlich wohler und sicherer und finden sogar einen freien Platz zum Frühstücken und Haare waschen am Straßenrand. Lange sind wir hier jedoch nicht allein. Nach kurzer Zeit haben sich einige Jungs mit etwas Sicherheitsabstand um uns herum versammelt und starren. Mehr passiert erstmal nicht, bis Jens sich ein Herz fasst und das Eis bricht indem er sich das hübsch dekorierte Fahrrad eines Jungen ausleiht und eine Runde über den Feldweg dreht. Dann wird das Starren auch von Grinsen und Gelächter begleitet. 



Nach ausreichender Morgentoilette und mit vollem Bauch ziehen wir weiter. Es ist sehr schön hier und wir lernen Indiens extrem ländliche Seite kennen. Die Nebenstraßen werden schmaler. Anders als am Highway liegt hier kein Plastikmüll herum und die Einwohner der kleinen Dörfchen leben naturverbunden mit ihrem Vieh zusammen und machen einen sehr zufriedenen Eindruck. Hier sind eindeutig wir die Fremdkörper in der Landschaft mit unseren großen Fahrzeugen. So ernten wir hauptsächlich erstaunte Blicke wenn wir praktisch durch die Wohnzimmer der Leute cruisen. Viel Strecke machen wir so auch nicht pro Tag, aber dafür ist es sehr entspannt und kommt uns vor wie eine Zeitreise.





Aber auch hier wird es irgendwann dunkel und wir brauchen einen Platz zum Übernachten. Gegen 16.00 Uhr befinden wir uns mitten in der Pampa auf einem Weg der kaum breiter ist als unser Wagen. Rings herum wächst meterhohes Gras. Und wenn gerade kein Gras wächst wohnt da irgendwer. 


Deshalb halten wir sofort an als rechts eine freie Fläche auftaucht die ausreichend Platz für unsere zwei Autos bietet. Links des Weges sitzen zwei Frauen vor ihren Palmwedelhütten und trauen ihren Augen nicht. Helen und ich versuchen ihnen unser Vorhaben hier zu übernachten klar zu machen, aber Erfolg haben wir keinen. Die Frauen bleiben sitzen und wir parken einfach mal und warten was passiert. Was sich die nächsten drei Stunden ereignet hat keiner von uns für möglich gehalten. Binnen einiger Minuten werden aus perplex dreinschauenden zwei Frauen etwa zehn Personen unterschiedlichen Geschlechts und Alters. Nach und nach reisen immer mehr interessierte Dorfbewohner aus der Nachbarschaft an bis zum Schluß etwa fünfzig Leute dicht gedrängt um uns herum stehen und neugierig die Autos, deren Inhalt und uns bestaunen. Was sollen wir nur mit dieser Situation anfangen? Weg fahren macht keinen Sinn, anderer Ort, gleiches Spiel, und Hunger haben wir auch. So beschließen wir Abendessen zu kochen. Wir stellen schnell fest, dass das ist unter diesen Bedingungen ein Ding der Unmöglichkeit ist, denn wir können vor lauter Zuschauern nichtmal vernünftig die Autotüren öffnen, geschweige denn ein Essen zubereiten. Außerdem sind wir kontinuierlich damit beschäftigt Einladungen der Dorfoberhäupter aus der Umgebung mit Zeichensprache und rudimentärem Englisch freundlich abzulehnen. Einer der Häuptlinge fängt sogar an unser Gemüse immer wieder zurück ins Auto zu legen und will uns unbedingt mit zu sich nach Hause nehmen. Die einzige Lösung dem Treiben ein Ende zu bereiten ist im Auto zu verschwinden und zu behaupten wir schlafen jetzt, denn es ist mittlerweile auch schon dunkel geworden. So verabschieden wir uns mit viel "Thank you, thank you!" und "Good night, see you tomorrow!" und quetschen uns zu viert in Jens und Helens Fahrzeug, genannt Bruce. Hier drin gibt es eine Küche und wir kochen zusammengequetscht das Essen. Draußen treiben sich immer wieder Nachzügler herum, die uns Neuankömmlinge auch noch sehen wollen. Irgendwann wird es ruhig und wir trauen uns wieder heraus. Das Essen schmeckt hervorragend und geht ohne Besuch vorüber. Keine fünf Minuten später stehen wieder drei Männer am Tisch und beobachten uns aus nächster Nähe. Nach kurzer Fahrzeugdemonstration gehen die Herren nach Hause und wir schnell ins Bett. Die Nacht verläuft erstaunlicherweise sehr ruhig. Morgens zwischen fünf und sechs klopft es an die Tür: "Good morning, good morning!" Tok, tok, tok. "Good morning, good morning!" Wieder tok, tok, tok. Usw. Max und ich ignorieren das Geklopfe und die Besuchertruppe zieht weiter zu Jens und Helen. An weiterschlafen ist nicht zu denken, so steigen wir aus und sind erneut umringt von mindestens zwanzig Personen die wieder jede unserer Handlungen aus nächster Nähe aufs Genaueste observieren. Geschirr abwaschen und Zähne putzen kann so auch zum Erlebnis werden. Viele der Gäste kennen wir schon vom Vorabend und jetzt beginnt eine Verabschiedungs- und Fotoorgie. Eine Stunde nach dem Aufstehen schaffen wir es ins Auto zu sitzen und unseren Weg nach Varanasi fortzusetzen. Zwei Jungs auf einem Fahrrad verfolgen uns bestimmt noch vier Kilometer weit und winken uns bei jeder Gelegenheit fröhlich zu. 
Das war ein unglaubliches Indienerlebnis das wir alle wohl niemals vergessen werden!





Tag 122 + 123 Indienbreitseite die Zweite

04.12. (Spätnachmittag) - 05.12.13 (Frühvormittag)

Birganj / Nepal - Raxaul / Indien


In Birganj, einige Kilometer vor der indischen Grenze, nehmen wir unsere Henkersmahlzeit zu uns und sie schmeckt hervorragend. Ein letztes Mal genießen wir die nepalesische Gastfreundlichkeit und Unaufdringlichkeit. Dann wird es ernst, Indien naht erneut! Aber wir haben beschlossen dem Subkontinent noch eine zweite Chance zu geben und fahren tapfer, aber auf das Schlimmste gefasst ins Grenzgebiet. Was uns hier erwartet übertrifft sogar unsere übelsten Befürchtungen. Staubwolken türmen sich vor uns auf. Der Asphalt weicht Bergen von braunem Sand und Schotter. Hunderte LKW parken in mehreren Reihen in Schutt und Müll. Wir schieben uns in Schrittgeschwindigkeit voran und sind umzingelt von Lastwagen, Fahrrad- und Motorrikschas, Fahrrädern, Mopeds, Tierfuhrwerken und Fußgängern die alle genau so wenig sehen wie wir. 



Zufällig entdecke ich links der Fahrbahn im Dunst ein runtergekommenes Haus mit der Aufschrift Custom Office. Wir parken die Autos in dritter Reihe um die Carnetformalitäten auf nepalesischer Seite zu erledigen. Helen und Max stellen sich der Aufgabe. Jens und ich versuchen währenddessen keine Tonne Staub einzuatmen. Das massiv verdreckte, ehemals lindgrüne Büro gleicht eher einer Trinkhalle als einer offiziellen Behörde und ist gefüllt mit sich drängelnden stempelgierigen Truckern. Unsere zwei Carnetmissionare erhalten freundlicherweise eine Touristen-Sonderbehandlung und wir können wieder los. Fünfzehn Minuten später sind wir zwei-, vielleicht dreihundert Meter weiter in Indien! Eine Ausreisebehörde konnten wir im Dreck leider nicht ausfindig machen. Jetzt stoßen wir auf das schon bekannte Problem dass hier keiner so richtig weiß was er eigentlich tut. So werden wir von einem schäbigen Büro ins nächste geschickt und nichts passiert. Ein pullundertragender Beamter bemerkt tatsächlich unseren fehlenden nepalesischen Ausreisestempel und erklärt uns gelassen, dass wir nun den Weg zurück fahren sollen um eben diesen zu organisieren. Fahren macht hier überhaupt keinen Sinn und wir entscheiden uns zu Fuß zu gehen. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Wir kehren also inmitten des Verkehrschaos im Staub und Schmutz zurück nach Nepal und finden die Behörde hinter parkenden LKW in einer Böschung. Von der Fahrbahn aus ist das Amt völlig unsichtbar und auf eine Beschilderung legt hier keiner besonderen Wert. Gemütlich werden unsere vier Pässe von zwei Beamten mit Exitaufklebern versehen und wir kehren zurück nach Indien. Der behördliche Wahnsinn hat jedoch noch lange kein Ende. Unsere Einreise wird genehmigt, ob wir darüber froh sind wissen wir nicht. Nun fehlt noch das Carnet. Und das ist die größte Herausforderung für die Inder und unsere Nerven. Die Bearbeitungszeit für ein Dokument beträgt circa eine Stunde und drei nicht sonderlich kombinationsfähige Herren mit dämlichen Mützen sind schwer beschäftigt damit alle Daten fein säuberlich in ein dickes, pakistanisch anmutendes Buch zu übertragen. Zwei Stunden und zwei Stempel später sind wir fertig. Welcome to India! Die beschauliche Grenzstadt Raxaul versinkt in Verkehr und Dreck und unser Nachtquartier wird wohl der Grenzparkplatz sein. Wir stellen die Autos ab in mindestens fünf Zentimeter tiefem, backpulverartigem, braunem Staub auf dem moskitoverseuchten Platz und suchen Abendessen. Die Suche wird erschwert durch viele Inder, durch viel Müll und Dreck und durch eine abartig laute und durchgedreht bunte Hochzeitsveranstaltung mitten auf der Hauptstraße. Nach klebrigen Nudeln mit Gemüse in einem hygienisch äußerst bedenklichen Fast Food Laden kehren wir eingestaubt zurück zum Backpulverplatz. Geplättet vom indischen Wahnsinn schlafen wir wie immer gut im Cruiser und suchen am nächsten Morgen so schnell wie möglich das Weite. 
Mal sehen was "Incredible India" die nächsten Wochen sonst noch so zu bieten hat! 

sieht idyllisch aus - ist es aber nicht