25. Dezember 2013

Tag 79 - 83 Indien: Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt..

22.10. - 27.10.2013

Amritsar - Chandigarh - Murni Village - Nahan - Dehra Dun - Roorkee - Haridwar - Kashipur - Udam Singh Nagar - Banbasa - Nepal


Nach langer Sightseeing-Pause nehmen wir uns in Amritsar an unserem ersten echten Tag in Indien das berühmte und wichtigste Sikh-Heiligtum, den Goldenen Tempel im Stadtzentrum vor. Unser Park-Wohnplatz auf dem Anwesen des Guest House liegt außerhalb und die erste Aufgabe des Tages ist ein Transportmittel zu finden. Direkt vor dem Tor steht ein Mann mit seiner Fahrradrikscha. Der Einfachheit halber steigen wir auf die außerordentlich unbequeme, für europäische Maße definitiv zu kleine Sitzbank und der dünne, lange Mann beginnt schwer zu treten um uns ans Ziel zu bringen. Es ist heiß und der arme Kerl schwitzt wie verrückt. Der Verkehr und das Stadtleben sind indisch, aber weniger chaotisch als erwartet. Ich bin während der Fahrt hauptsächlich damit beschäftigt nicht von der stark gewölbten Bank auf die Straße zu rutschen und wir kommen uns beide sehr komisch vor so chauffiert zu werden. Nach zwanzig Minuten erreichen wir das Zentrum, der Mann tut uns leid und bekommt ein gutes Trinkgeld. Wir beschließen nie wieder Fahrradrikscha zu fahren. 


Die Straße zum Tempel ist gesäumt von mehr oder minder aufdringlichen Wagah-Border-Touristenschleppern, die wir guten Gewissens alle abwimmeln können. Eine Beschilderung der Hauptsehenswürdigkeit existiert nicht, aber der Zugang ist aufgrund der Masse an Pilgern und Touristen gut erkennbar. Erst geben wir unsere Schuhe ab und dann geht es barfuß weiter über ziemlich ranzige, feuchte, schwammartige Gummimatten. Sehr heilig ist das alles nicht. Am Ende der mit Bauzäunen eingefassten Mattengasse ist aus religiösen Gründen die Bedeckung des Hauptes und eine Fußwäsche erforderlich. Ich bin das Kopftuch noch gewöhnt und das Fußbad ist auch sehr erfrischend. Max muß sich ein nettes orangenes Häubchen aufsetzen und ist daraufhin offensichtlich so verwirrt, dass er die Füße vergisst. Der postierte, mit einem Speer bewaffnete, Wachmann bemerkt das augenblicklich und drängt Max sanft ins Wasser zu steigen. Mit adäquater Kopfbedeckung und nassen Fußes betreten wir die Anlage. Was für Chak-Chak im Iran gilt kann man hier nur aufgreifen: an diesem Ort herrscht ein großes Maß an Harmonie! 




Vom Stadtlärm ist nichts zu hören, nur sanfte Klänge die aus den Lautsprechern säuseln und es ist beeindruckend sauber. Sicher eine Stunde genießen wir die Atmosphäre, beobachten die Pilger beim Baden und müssen den heiligen Ort dann leider verlassen um uns auf die Suche nach einem Indienreiseführer und einer brauchbaren Straßenkarte zu begeben. In einem kleinen Buchladen werden wir fündig und treten nach dem ersten guten indischen Essen den Heimweg an. Dieser gestaltet sich deutlich schwieriger als die Anfahrt! Der erste (Motor) Rikschafahrer befördert uns gekonnt durch den Gegenverkehr, allerdings zum falschen Guest House, und läßt uns dann auf dem National Highway zurück. Nach längerem Fußmarsch riskieren wir eine zweite Rikschafahrt. Der Mann hat auch keine Ahnung wo wir hin wollen und kurvt recht dämlich in der Gegend herum. Wir kennen uns glücklicherweise wieder aus und versuchen mit eindeutigen Handzeichen nach rechts und links behilflich zu sein, aber das indische Richtungsgewedel müssen wir wohl noch üben. Nach geraumer Zeit haben wir unseren ersten indischen Tag erfolgreich bewältigt. Kurz vor dem Abendessen biegen plötzlich Gergana und Micha um die Ecke und das WG-Leben wird die nächsten zwei Tage in Amritsar fortgesetzt. Wir schwimmen im Pool, kochen gutes Essen, trinken Bier und kümmern uns ums Auto! Mit grundgereinigtem, versichertem Fahrzeug und endlich ausgestattet mit absolut notwendigen Moskitonetzen sind wir bereit für den großen Rest Indiens!!!!

Mrs. Bhandari´s Anwesen

Unser Etappenziel für den 24.10. ist die Le Corbusier-Stadt Chandigarh. Der Weg ist nicht weit und wir sind optimistisch. Was uns auf dem National Highway 1 erwartet lässt den Optimismus allerdings sehr sehr schnell schwinden. Auf dem einspurigen „Highway“ reiht sich LWK an LWK, eingestreut wimmeln die Rikschas herum und am Straßenrand fahren unzählige Motorräder, Roller, tierbetrieben Fuhrwerke und Fahrradfahrer. Die Fußgänger sollten natürlich auch erwähnt werden, obwohl sie in der indischen Straßenverkehrsordnung an letzter Stelle stehen. Alle miteinander sind sie wirklich unglaublich idiotisch unterwegs. Mitdenken scheint nicht unbedingt eine ihrer Stärken zu sein. Wir hupen uns so gut es geht vorwärts. Etwa auf halber Strecke passieren wir die wahrscheinlich hääääääässlichste und dreckigste Stadt der Welt: Ludhiana. Unser Tipp an dieser Stelle für alle Indienreisenden lautet: macht einen möglichst großen Bogen um dieses abartige Moloch. Außer ihr möchtet selbst am hellichten Tag einen langen Blick in die Sonne werfen ohne Netzhautschäden zu bekommen! Wir sind entsetzt!!! 



Unser 230 Kilometer entferntes Tagesziel erreichen wir übrigens nicht. Zur Entschädigung für diese beschissene Fahrt können wir für umsonst am Indo-German-Dhaba übernachten und das indische Essen ist fantastisch, obwohl der Tandoori (Ofen) mit Plastikmüll angefeuert wird.
Am nächsten Morgen ist der Cruiser mit uns drin umringt von einer Schulklasse halbwüchsiger Jungs die am Auto hochhüpfen um einen Blick durch den Lüftungsschlitz im Fenster ins Innere zu erhaschen. Max erbarmt sich, steigt aus und manövriert die Bande in einer langen Prozedur in Richtung ihres Busses zurück. Nach etwa einer Stunde ist unsere unfreiwillige Morgenveranstaltung beendet, der Schulbus fährt ab und wir auch bevor die nächsten Zaungäste auftauchen.
Die Sektorenstadt Chandigarh beeindruckt uns kurze Zeit später durch eine strukturierte Straßenführung mit überschaubarem Verkehr und schöne Grünanlagen. Dementsprechend gestaltet sich die Navigation zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten einfach. Inmitten eines nichtasphaltierten Parkplatzgewirres und nachträglich errichteter Zweckbauten ragt Le-Corbusiers, 1955 eröffneter, klassisch-modernistischer High Court of Punjab and Haryana bollwerkartig empor. Die Szenerie ist skurril. Die Strukturiertheit und Geradlinigkeit der durchaus durchdachten Bebauung ist binnen der vergangenen Jahrzehnte ordentlich „indifiziert“ worden. Es wuselt nur so, überall wird Essen gekocht, verkauft und verspeist. Händler bieten alles an was der Gerichtsangestellte, Kläger oder Angeklagte so brauchen kann. Zum Repertoire der Verkäufer zählen z.B. Schreibwaren, Socken, Zahnbürsten, Kopier-, Fax- und Fotoservice u.v.m.. Um dem Trubel und geschäftigen Treiben hier zu entfliehen machen wir uns schnell vom Acker und schlendern durch den nahegelegenen Nek Chand Fantasy Rock Garden, eine aus Schrott und Müll errichtete verspielte Parkanlage. Wir beglücken die indischen Touristen mit unserer Anwesenheit, denn so können sie heute nicht nur Skulpturen sondern auch europäische Touristen fotografieren und besichtigen.






Nach der kurzen Reise durch den überbevölkerten, vermüllten Bundesstaat Punjab/Haryana flüchten wir in die schöne einsame Berglandschaft. Affenbanden, Kuhfamilien und beeindruckende Vegetation sind unsere heutige Belohnung. Das Dörfchen Murni, malerisch in einem Tal an einem See gelegen, sieht von oben sehr verlockend aus. Unten angekommen befinden sich hier außer uns lediglich wenige perplex dreinschauende Dorfbewohner und leere Hotels und Lodges. Ein Haus am Ortseingang macht von außen einen guten Eindruck und wir versuchen unser Glück hier für die Nacht unterzukommen. Der einzige Mann auf dem Grundstück kann kein Wort Englisch, serviert uns Tee im Wintergarten und starrt uns aus eineinhalb Metern Entfernung an während wir schnell beschließen hier sicher nicht zu übernachten. Auf dem Rückweg finden wir ein nettes, kleines Guest House, am Hang gelegen, mit fantastischer Aussicht. Hier genießen wir den Sonnenuntergang und fragen und was wir wohl von Indien und den Indern halten sollen.


Die ersten Kilometer des nächsten Tages sind wundervoll. Eine kleine Bergstraße beglückt uns und den Cruiser. In Nahan angekommen werden wir allerdings aufs Neue mit der indischen Dämlichkeit im Straßenverkehr konfrontiert. Rückwärts fahrende, wendende Autos werden vom gemeinen Inder nicht als Hindernis wahrgenommen und so fahren wir beim Zurücksetzen einen Einheimischen der noch hinter uns durchschlüpfen wollte, mitsamt seinem Motorroller um. Wie das hier so üblich ist steigen wir nicht aus, sondern fahren schnell weg bevor sich der Mob zusammenrotten kann. Keine Sorge, dem Mann und seinem Zweirad ist nichts passiert.
Nach Nahan hat uns der National Highway wieder, den man besser als National Disaster bezeichnen sollte. Indien präsentiert uns hier die tiefsten Schlaglöcher und dreckigsten Straßen und Ortschaften der bisherigen gesamten Reise. Zum Hohn wird hierfür auch noch alle paar dutzend Kilometer Maut verlangt. Irgendwann weigern wir uns zu bezahlen. Unsere Stimmung erreicht den Tiefpunkt im Dehra Duner Feierabendstau. Stau hier bedeutet alle fahren auf allen Spuren gleichzeitig bis die lautstark hupende Blechlawine endgültig zum Stillstand kommt und sich lange Zeit nicht mehr bewegen kann. Gehupt wird trotzdem was das Zeug hält! 



Scheiß auf den großen Gold-Buddah in Clement Town oder sonstige Tempel- und Pilgerstättem, wir wollen so schnell wie möglich nach Nepal!!!!!
Nach etlichen nervigen und gefährlichen Kilometern leuchtet links am Straßenrand in der Dunkelheit ein pinkes „Bar“-Reklameschild auf. Ich sage nur: „ Bar! Max halt hier an, ich will jetzt sofort ein Bier!“ So enden wir am heutigen Abend auf dem Parkplatz des runtergeranzten Hotels Raj am National Highway 72A, trinken Bier und haben keine Fragen mehr. Wenn Indien so bleibt halten wir es hier sicher keine zwei Monate aus!

Früh morgens am 27.10.2013 treten wir die Flucht nach Nepal an. Wir fahren die restlichen 300km in 9 1/2 Stunden ohne zu stoppen und erreichen tatsächlich am späten Nachmittag den nord-indisch - west-nepalesischen Grenzübergang Banbasa/Mahendranagar. Vor lauter Fluchtgedanken und Indienverteufelei haben wir uns keine Gedanken über den Grenzübertritt gemacht. Keine Ahnung von Nepal, keine Ahnung ob wir vor Ablauf der 2-Monatsfrist wieder nach Indien einreisen dürfen und ob wir das überhaupt wollen, keine Ahnung was das Visum kostet und in welcher Währung bezahlt werden muß. Insgesamt komplett ahnungslos stehen wir vor einem verschlossen Tor an einem riesigen Flußbett mit massiver Brücken-Stauwehrkonstruktion. Eine indische Grenzbeamtin erkennt unsere Planlosigkeit, verläßt ihren Holzunterstand und meint: „Park at the side, border opens at five.“ Eigentlich wollten wir ja nur mal schauen, aber unter diesen Umständen verlassen wir Indien halt heute. Je früher desto besser!
Kurz vor fünf öffnet sich das Tor und wir überqueren die massive Grenzbrücke auf einer unglaublich schmalen Fahrbahn mit Gegenverkehr. Drüben erwartet uns eine schöne, neue, leise, bunte Welt ohne Müll und hupende LWK, dafür mit Fahrrädern, Pferdekarren und Kühen im Sonnenuntergang. Die Immigration und Custom Office-Formalitäten in den Außenbüros der Inder sind schnell und gemütlich erledigt. Außerdem erfahren wir, dass wir jederzeit wieder nach Indien einreisen dürfen und nicht in Nepal überwintern müssen. Nicht mehr komplett ahnungslos befreit Max den Cruiser noch schnell von einer Kuhherde und unsere Flucht hat ein Happy End!!!!
Die Niemandslandkilometer sind wunderschön. Das gesamte Grenzgebiet mutet an wie ein ursprüngliches, zersiedeltes Dorf. Vor lauter Glückseeligkeit verpassen wir beinahe die nepalesische Einreisebehörde in Form eines Einfamilienhauses mit Verandabüro. Schnell ist das Visum in indischen Rupees bezahlt und falsch rum in den Pass geklebt. In der nächsten Hütte gibt es genau so schnell den Carnetstempel und wir verbringen unsere erste Nacht in Nepal überglücklich und auf Einladung des Immigration Officers im Vorgarten der Einreisebehörde!

große Brücke - schmale Fahrbahn

Übernachtung vor dem Immigration Office

F R O H E  W E I H N A C H T E N  +  E I N  G U T E S  N E U E S  J A H R  2 0 1 4

G R Ü S S E  A U S  G O A