27. November 2013

Tag 78 - Wagah Wagah

21.10.2013

Lahore - Amritsar

Mittags verlassen wir Lahore, nachdem wir das Auto im Parkhaus wieder gefunden haben. Nur etwa 25 Kilometer trennen uns von der indischen Grenze. Die Fahrt durch die Außenbezirke der Stadt macht richtig Spaß und wir sind gespannt was uns an und auf der anderen Seite der Grenze erwartet!
Die Ausreise aus Pakistan ist schnell erledigt, lediglich das bereits bekannte Computerproblem bestimmter Beamter bringt eine kleine Verzögerung mit sich. Nach dem Verlassen des Immigration Office säumen plötzlich leere Tribünen rechts und links die Fahrbahn. Ein letztes Mal zeigen wir einem pakistanischen Beamten unsere Pässe und dürfen weiter nach Indien. Hier befinden sich ebenfalls leere Tribünen, allerdings noch viel überdimensionierter. 



Im indischen Immigration Office sieht die Sache schon ganz anders aus. Zunächst wird die Personenregistrierung durchgeführt. Anschließend kommt das Gepäck auf dem Dach an die Reihe. Alles wird aus der TopBox ausgeräumt und durch den Röntgenapparat geschoben. Zweimal ist Stromausfall, aber nur kurz. Unser magnetisches Moskitonetz sorgt für große Verwunderung, aber wir dürfen es behalten. Danach werden wir mit indischem Milchtee verwöhnt. Der Tee dient allerdings nur zur Stärkung für die weitere Kontrollwut der Inder. Max fährt das Auto vom Parkplatz auf eine Grube und dann heißt es: "All out!" Wie gewünscht wird der ganze Wagen leergeräumt. Alles wird kontrolliert, sogar die Türverkleidung wird abgenommen. Danach vergnügen sich zwei Drogenhunde auf unseren Matratzen und im Auto. Währenddessen spiele ich das "All-Out"-Spiel mit unserem Gepäck aus der TopBox. Alle Taschen werden ausgeräumt und von zwei Beamten kontrolliert. Die besagten Drogenhunde finden unsere Schmutzwäsche wesentlich interessanter als alles Andere. 
Da ein leeres Auto deutlich besser zu reinigen ist als ein vollgepacktes beginnt Max auf der behördlichen Grube den äußerst sandigen Wagen auszukehren. Wir haben es nicht besonders eilig. Die ausführliche Reinigungsprozedur stößt bei den Grenzbeamten nach einiger Zeit auf Missmut, da es bereits Zeit für die allabendliche Grenzschließung ist. Wir werden gebeten unser Gefährt wieder zügig zu beladen und doch der berühmten Wagah Border Closing Ceremony beizuwohnen.
Gesagt getan. Das Auto ist geparkt, wir sind "indifiziert" mit Fähnchen und Flagge im Gesicht, und eine halbe Stunde später sitzen wir mit geschätzten 2000 Indern auf den nun nicht mehr leeren Tribünen. Dann beginnt das große Tamtam! Ein indisches Ali G-Double im weißen Jogginganzug heizt die Menge an. Lautes Geschrei tönt aus riesigen Lautsprechern und dann stürmen die Grenzsoldaten in Paradeuniform im Gleichschritt Richtung Grenztor. Die Menge tobt, die Landesflaggen werden eingeholt und das Grenztor wird geschlossen. Die ganze Zeremonie dauert gute zwei Stunden und es ist kaum vorstellbar, dass dieses Theater jeden Abend aufs Neue stattfinden soll.
Das übertriebene Drohgehabe der verfeindeten Nationen amüsiert uns eher als dass es angsteinflößend wäre. Nach soviel muslimischer Zurückhaltung der letzten Wochen freuen wir uns über den offen ausgelebten Enthusiasmus der Inder. 









Höchst zuversichtlich kehren wir zum Auto zurück und fahren zusammen mit allen anderen Zeremonieteilnehmern mal wieder im Dunkeln in Richtung Amritsar. Mit einiger Hilfe finden wir dort Mrs. Bhandari`s Guest House und freuen uns auf unsere Zeit in Indien!

Tag 71 - 77 Entspannungsurlaub in Lahore


14.10. - 20.10.2013

Lahore

Die letzten fünf Tage waren mit großem Abstand die aufregendsten, anstrengendsten und vermutlich auch die gefährlichsten in unserem Leben! 
Wir sind erleichtert, dass die Pakistan-Eskorten-Rally jetzt beendet ist und niemand Schaden genommen hat. Um wieder auf Normalbetrieb umzuschalten und die Erlebnisse der vergangenen Woche zu verarbeiten ist eine Pause dringend erforderlich.
Für diese Zwecke eignet sich die Dachterrasse unseres Hostels hervorragend. Hier hängen wir die ganze Woche herum und haben Spaß mit Gergana und Micha aus Magdeburg, Saddam unserem „Hostelguard“ aus dem Norden Pakistans und seinen Freunden. Die zwei verrückten Magdeburger sind mit dem Fahrrad da und sitzen in Lahore fest bis ihr Indienvisum endlich ausgestellt wird. (velo7.net)

DIE Dachterrasse

Nach kurzer Zeit haben wir hier eine sehr lustige Wohngemeinschaft sogar mit Katze etabliert. Hilflos schreiend finden wir das kleine Tier mutterlos und fast verhungert unter einem ausrangierten Bettgestell und kümmern uns um das Baby um nicht nur nutzlos rumzulungern. Durch regelmäßige Fütterungen und Ausscheidungsstimulationen entwickelt es sich binnen einer Woche prächtig. Leider müssen wir es am Abreisetag seinem pakistanischen Schicksal überlassen.



Unsere Ausflüge ins chaotische Innenstadtleben unternehmen wir meist nur zum Essen holen auf der Straße. Die pakistanische Küche ist übrigens sehr gut, äußerst preiswert und in der Regel scharf. Über die verwendeten Zutaten und deren Aufbewahrungs- und Zubereitungsformen machen wir uns besser keine Gedanken. 
Um die kleinen Imbissbuden oder die berühmte Chaman-Eisdiele zu erreichen verfeinern wir täglich unsere, auf der Reise, neu gewonnene Gabe zweispurige Straßen im fließenden Verkehr zu überqueren. Oberstes Gebot hierbei ist einfach niemals stehen zu bleiben. Und die Nutzung gewisser Handzeichen ist auch sehr hilfreich. An den letzten Ort mit Fußgängerampel oder Zebrastreifen kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.
Immer wenn wir unsere sichere Unterkunft für wenige Minuten verlassen geraten wir mit 100%iger Sicherheit in seltsame aber amüsante Situationen. Die Fotografiererei sind wir schon gewöhnt, aber mitten auf der Straße minutenlang von einem Wildfremden gesegnet zu werden ist sehr befremdlich. Auch die Bargeldbeschaffung wird schnell zur wilden Rikscha-Erlebnisfahrt. Wir erhalten mehrfach eine Einladung zum christlichen, englischsprachigen Gottesdienst in der Nachbarschaft, wohlgemerkt immer vom selben netten Staubsaugervertreter. Wir entscheiden uns aber dagegen, da christliche Gotteshäuser nicht unbedingt die sichersten Aufenthaltsorte in Pakistan sind. Als „English“, so werden hier der Einfachheit halber alle Ausländer genannt, hat man in der freien Wildbahn wirklich keine ruhige Minute. Die einheimische Bevölkerung ist aber ausnahmslos sehr interessiert, freundlich zugewandt und immer darauf aus die eigenen Englischkenntnisse zu verbessern. 





Vier Tage unseres Aufenthaltes herrscht Ausnahmezustand in der Stadt wegen des muslimischen Opferfestes. Jeder gute Moslem der was auf sich hält opfert zu diesem Anlass ein Tier und ballert Freundenschüsse in die Luft, mitten in der Stadt. Platzpatronen gibt es hier natürlich keine. Da unsere Terrasse zum Großteil überdacht ist sind wir vor herabfallenden Kugeln glücklicherweise gut geschützt und Querschläger haben es auch nicht ganz so einfach uns zu erreichen. Tatsächlich gewöhnt man sich auch an Maschinengewehrsalven zu jeder Tages- und Nachtzeit. 
Aufgrund der ganzen Festivalstimmung geraten auch wir in Feierlaune. In Pakistan ist es für Nicht-Muslime und Touristen erlaubt Alkohol zu kaufen und auch zu konsumieren. Für die erste Dachterrassenparty schafft der katholische „Worker“, ein Typ der für die Wäsche im Hostel zuständig ist, kleine Plastikflaschen mit Vodka und Whiskey an. Für uns alle ist das seit langer Zeit der erste Alkohol und dementsprechend funktioniert der Schnaps auch ganz gut. Wir hören lautstark Musik und tanzen sogar. Unsere Sorge vielleicht die Nachbarn zu stören wird von Saddam nur mit den Worten kommentiert: “You are in Lahore, it depends on you what you do!“ Hier macht in der Tat einfach jeder was er will. 



Da der Schnaps zu hart ist steigen wir zur zweiten Feier auf pakistanisches Bier um. Dies zu beschaffen ist eine Aufgabe für Micha und Max. Das Bier gibt es nicht im Laden zu kaufen sondern man ersteht es an einer Hotelbar. Soweit so gut. Ein Hotel in der Nähe wird ausgewählt und die Herren machen sich auf den Weg. Nachdem die Zwei die bewaffneten Wächter des Hoteltores passiert haben finden sie sich im absoluten Luxus wieder. Sie äußern ihr Anliegen recht verhalten an der besagten Bar. „Oh! You are to late, the bar is closed, hm, but wait!“ ist die Reaktion des Angestellten. Nach kurzer Zeit werden die beiden aufgefordert einem Mann zu folgen. Der Weg führt durchs noble Hotelrestaurant hinaus in den Garten. Garten ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, man sollte die Außenanlage eher als Park bezeichnen. Der Rasen sieht aus als hätten man ihn mit der Nagelschere geschnitten. Wahrscheinlich handelt es sich hier um ein Relikt aus britischer Kolonialzeit. In einer dunkleren Ecke des Parks befindet sich eine Art größerer Abstellraum. Den betreten Max und Micha und sind sehr überrascht. Innen stehen überall Kartons mit unterschiedlichsten alkoholischen Getränken bis unter die Decke gestapelt und sie sind nicht alleine im Raum. Etliche Pakistani drängen sich umher und erledigen ihre Besorgungen. Nachdem die Biersorten Murree Strong, Stronger und Strongest ausgewählt sind wird die Biermission an einem kleinen Schreibtisch mit der Bezahlung beendet und der Heimweg angetreten. Das Bier gehört sicher nicht zu den besten der Welt, aber nach einer Dose schmeckt es dann doch ganz gut und erfüllt seinen Zweck.


Um nicht völlig als Kulturbanausen dazustehen und Pakistan ohne Sightseeing zu verlassen entschließen wir uns an einer Sufi-Nacht teilzunehmen. Die Anhänger des Sufismus veranstalten in ihrer Tempelanlage jeden Donnerstag einen Tanz- und Musikabend zu dem auch Nicht-Derwische zugelassen sind. Mit der Rikscha fahren wir quer durchs nächtliche Lahore und erreichen den Tempel. Auf der Straße werden Schmuck, Kleidung und natürlich Essen angeboten und es herrscht gehöriger Andrang am Tempeleingang. Von außen sind bereits die Trommeln und Gesänge zu hören. Mit unserem Rikschafahrer betreten wir den Tempel. Hierbei handelt es sich um ein rechteckiges Gebäude mit nicht sonderlich geräumigem Innenhof. An den Ecken befinden sich bunt geschmückte, begehbare, vergitterte Schreine. Erst werden wir in einen dieser Schreine gesetzt. Da hier eindeutig zu wenig Platz ist bewegen wir uns Richtung Innenhof. Hier herrscht allerdings auch schon ordentlicher Platzmangel. Dicht gedrängt sitzt das Publikum am Boden. Wir werden vor einem Schreineingang auf der dazugehörigen Treppe platziert. Max hat im Nu einige neue Freunde und der Mann links neben mir ist auch ganz schön auf Kuschelkurs. So sitzen wir da, eingequetscht aber beeindruckt über die Trommelkünste und Gesänge der Sufis. Direkt vor uns sind die Derwische in ihren Tanz vertieft, drehen sich wie verrückt im Kreis, stampfen mit den Füßen und schütteln in Trance den Kopf auf völlig unnatürliche Art und Weise. Die Atmosphäre ist überwältigend. Wir bekommen, wie alle anderen Gäste, Wasser aus einer Tonschale gereicht. Aus der Sammelschale zu trinken kostet ein wenig Überwindung, aber der langbärtige alte Mann lässt nicht locker bis man einen Schluck davon genommen hat. Zur Belohnung gibt es kurz darauf den besten pakistanischen Milchtee der ganzen Reise aus einer eigenen Tasse. Unsere Nachbarn versorgen uns mit Knabbereien und Süßigkeiten. Die Musiker spielen und die Derwische tanzen pausenlos und man wird vom Sufi-Gesamtkunstwerk in den Bann gezogen. Je später der Abend, desto ausgeprägter die Orgie. Die Trancezustände einiger Gäste sind mit Sicherheit durch den massiven Haschischkonsum und weniger durch die Musik ausgelöst. Ungefähr drei Stunden vergehen wie im Flug und wir werden leider viel zu früh von unserem Rikschafahrer wieder abgeholt. Das Spektakel ist auf jeden Fall empfehlenswert!



Uns fällt es nach einer Woche schon ein bißchen schwer Lahore zu verlassen, aber wir sind jetzt hoffentlich genug gestärkt für das weithin bekannte indische Chaos.

Das traumhafte Regale Internet Inn
"unsere" Straße
Abschiedsfoto - der Typ neben Saddam hat sich eingeschlichen

23. November 2013

Tag 70 - Endspurt


13.10.2013

Multan - Lahore

Und täglich grüßt das Murmeltier. Morgens gegen acht klingelt das Telefon in unserem Zimmer. Wir sind überrascht, vor allem weil wir nie für möglich gehalten hätten das dieses vermeintlich kabellose, vergilbte Gerät in der Ecke tatsächlich funktionsfähig ist. „Police is waiting for you!“ verkündet der Rezeptionist. Unser Plan ohne Eskorte weiter zu fahren geht also nicht auf. Andererseits sind die Polizisten sehr hilfreich einen Geldautomaten und eine Tankstelle für uns ausfindig zu machen. Einer leiht uns sogar die erforderlichen 1400 pakistanischen Rupees um unsere Hotelrechnung zu begleichen. Jetzt sind wir alle wieder flüssig und machen uns auf den Weg nach Lahore. Auf dem Weg durch die Stadt stoppt unser Begleitfahrzeug unter einer Brücke. Max geht auf Anweisung erstmal Wasser und Kekse kaufen. Dann warten wir, worauf auch immer. Nach 45 Minuten taucht ein Mann am Fenster auf. Er stellt sich als „Touristenbeauftragter“ der örtlichen Behörde vor, sieht aber eher wie ein Schlachter aus einer nahegelegenen Metzgerei aus. Unsere vier Polizisten teilen unsere Verwunderung nicht, so händigen wir dem Schlachter unsere Pässe aus um Kopien anzufertigen. Nach etwa zehn Minuten ist der Mann erstaunlicherweise schon zurück und gibt uns die heiligen Dokumente wieder. Er ist wohl tatsächlich der „Touristenbeauftragte“. Um weitere Wartezeit zu überbrücken werden wir zu Fuß unter der Brücke hindurch auf die andere Straßenseite eskortiert und besichtigen die dort ansässigen Grabstein-Steinmetzwerkstätten. Multan ist offensichtlich bekannt für deren Arbeiten, jedenfalls ist der „Tourist“-Officer davon überzeugt. Wir kommen uns sehr komisch vor mit den sechs bewaffneten Polizeibeamten in den kleinen Werkstätten herum zu stehen. Kurz nach Besichtigungsbeginn endet diese skurrile Situation, wie schon so oft, abrupt und die Fahrt nach Lahore wird fortgesetzt. 
Der Highway ist überdurchschnittlich gut ausgebaut und führt dutzende Kilometer an Baumwollfeldern vorbei. Die Eskorte ist auch verhältnismäßig vernünftig unterwegs. Wir fahren mittlerweile nur noch ohne viel auf die Umgebung zu achten um endlich unser Ziel zu erreichen.
Nach insgesamt sechs Stunden verabschieden wir uns, wohlgemerkt bei Tageslicht, vor den Toren Lahores von der Polizei!!!!! Wir haben dazugelernt und suchen unsere Unterkunft lieber selber.
Kurze Zeit später finden wir uns im Stau wieder. Der Highway Nr. 5 wird heute auch als Viehmarkt genutzt. Auf jeder freien Fläche neben und auf der Straße werden Ziegen, Schafe, Kühe, Büffel, Hühner und Kamele hübsch mit Blumen geschmückt und farbenfroh verziert zum Kauf angeboten und das Interesse ist immens! 


Die zweispurige Fahrbahn ist voll von stolzen Tierbesitzern einschließlich ihrer neuen Schützlinge. Die Viecher werden in jeder nur erdenklichen absurden Art und Weise transportiert Ziegen und Schafe kommen in der Regel zwischen die Großfamilienmitglieder auf das Moped. Hühner hängen zu Hauf am Lenker. Größeres Getier wie Kühe und Büffel werden auf Minilaster gepfercht. Manche Fahrzeuge drohen sekündlich aufgrund der lebendigen Last zu kentern. Aber alles geht gut. Auch die kleine Rikscha die sich mit dem Cruiser anlegt übersteht ihren Auffahrunfall unbeschadet. Die Geräuschkulisse der hupenden Fahrzeuge und Tiere ist unbeschreiblich. Am allerschönsten sind die Kamele anzusehen. Zu groß für pakistanische Transportmittel tänzeln sie gut gelaunt und bunt geschmückt an der Leine hinterher. Trotz Stau freuen wir uns! Ein pakistanischer Stau ist übrigens keinesfalls mit einem deutschen zu vergleichen. Man steht nicht nur rum und wartet bis es weiter geht. Jeder versucht wild hupend vorwärts zu kommen, auch wenn dieses Unterfangen komplett sinnlos ist wegen des Platzmangels. Jeder Millimeter wird hier ausgenutzt und aus zwei Spuren werden im Nu vier bis fünf. Ich warte nur darauf, dass uns die Kuh aus dem vergitterten Minilaster vor uns auf die Motorhaube macht. 






Der Cruiser bleibt unbeschadet und nach dem Viehmarktstau offenbart sich uns ein schönes, sauberes, vor allem grünes Lahore! Wir sind sehr positiv überrascht über die zweitgrößte Stadt Pakistans mit erneut 16 Millionen Einwohnern. Hier sehen wir nach knapp 2000 Kilometern sogar die erste Ampel im Land!
Ohne Einkreisen finden wir unser ausgewähltes Hostel, das Regale Internet Inn mitten im Zentrum. Hier lernen wir Saddam kennen, parken das Auto im verrücktesten Parkhaus dass wir je gesehen haben und sind endlich da!


Tag 69 - Sindh-Punjab-Hetzerei


12.10.2013


Sukkur - Multan: 468 km; 5 h 18 min lt. Google Maps



Pakistan zu durchqueren ist keine sonderlich gemütliche Angelegenheit. Außerdem scheint das Risiko Talibanopfer zu werden tagsüber deutlich größer zu sein als nachts. Jedenfalls werden wir gleich morgens beim Kaffee trinken von der Polizei abgeholt um unsere Reise fortzusetzen. Ein netter Hotelangestellter schenkt uns zum Abschied noch ein paar Blümchen und los gehts.


Unsere Route führt nach Nordosten, am prächtigen Indus entlang. Die Eskorten wechseln jetzt zum Glück meist fliegend mit kurzer Begrüßung und Verabschiedung im Vorbeifahren. Auch die bunten Bücher sind nicht mehr so verbreitet wie die Tage zuvor. Wir dürfen sogar kurze Strecken ohne Polizeischutz zurücklegen. Zu Beginn verunsichert uns die Abwesenheit der bewaffneten Begleiter sogar etwas. Aber die Umgebung und die Menschen hier machen wirklich keinen sonderlich bedrohlichen Eindruck. Wir sind mal wieder die absolute Attraktion, vor allem wegen des linksgesteuerten Cruisers. Die Landschaft wechselt zwischen üppigem Grün und Wüste. So kommen wir in den Genuss eines echten Sandsturmes. Da wir ohne Klimaanlage und fast immer mit offenen Fenstern unterwegs sind machen die paar Kilo zusätzlichen Sands im Auto den Braten jetzt auch nicht mehr fett. Dreckig sind wir sowieso schon seit geraumer Zeit und unsere Kleider haben wir das letzte Mal vor vier Tagen gewechselt. Duschen hilft lediglich passager das Wohlbefinden etwas zu steigern.
Gegen elf Uhr erreichen wir die Provinzgrenze Sindh-Punjab. So gut ging es bisher noch nie voran. Der Eskortenwechsel dauert auch nicht lange und die neuen Jungs sind sehr vernünftig unterwegs. Wir sind guter Dinge unsere Fahrt heute, wie offiziell per N.O.C. angeordnet, bei Tageslicht in Multan zu beenden. 
Nach zwei Stunden sind wir hundert Kilometer weiter und die „No-Fear“-Sondereinsatztruppe im Fahrzeug vor uns hat Hunger oder will uns näher kennen lernen. Also halten wir recht abrupt an einem der unzähligen Straßenrestaurants und werden mit unseren fünf Polizisten in einen abgetrennten Raum mit Ventilator verbracht. Dann wird aufgetischt: es gibt Linsen mit Brot, Suppe und farbenfrohen süßen Reis, dazu wird Pepsi serviert. Der Milchtee zum Abschluß des Mahls darf natürlich auch nicht fehlen. Die Männer sind, wie übrigens alle Polizisten und Einheimischen bisher, ausnahmslos sehr nett, zuvorkommend und interessiert. Die Stimmung in unserem Hinterzimmer ist ziemlich ausgelassen. Nach dem Essen stoßen noch einige Kollegen der Männer zu uns und es beginnt ein mindestens halbstündiger sauwitziger Fotomarathon. 





Satt und amüsiert fahren wir weiter und wiedermal dem Sonnenuntergang entgegen. Wie sollte es auch anders sein. Die vorletzte Eskorte des Tages hat es in sich. Nach einer Mautstelle wird uns klar gemacht, dass es ab sofort im Konvoi weiter geht. Vor uns steht eine weiße Limousine, die Insassen können wir nicht erkennen. Wir mutmaßen aber, dass es sich um wichtige Personen handeln muß, denn jetzt geht die Hetzerei erst richtig los. Wir brettern mit 100 km/h ohne jeglichen Sicherheitsabstand durch Dörfer und Kleinstädte. Der Polizei-Pickup an der Spitze fährt kontinuierlich mit Blaulicht und Sirene, der hinter uns leider nicht. Für die anderen Verkehrsteilnehmer sind wir unter diesen Bedingungen nicht als Konvoi zu erkennen. Dementsprechend drängen sich immer wieder andere Fahrzeuge zwischen uns, erkennen dann ihren Fehler, und so kommt es unweigerlich zu recht riskanten Brems- und Überholvorgängen. Noch dazu ist es mittlerweile dunkel geworden und die nicht illuminierten Karren, Mopeds, Menschen und Tiere um uns herum schweben in Lebensgefahr ohne es zu wissen. Das Fehlen einer Autoversicherung macht die ganze Geschichte noch wesentlich spannender. Circa zwei Stunden dauert der nervenaufreibende Spaß. Währenddessen vergeht kaum eine Minute ohne Stress und Adrenalinschub. 
Endlich erreichen wir Multan. Besser gesagt einen riesigen Kreisverkehr mit massivem Stau 20 Kilometer vor der pakistanischen Millionenmetropole. Unsere Eskorte hält am dunklen Straßenrand zwischen Bauschutt, Läden und dem Highway an und teilt uns kurz mit den Worten „You want to go to Multan? Here it is.“ mit dass wir unser Ziel erreicht haben. Der Polizeiwagen fährt mit der ominösen weißen Limousine weiter nach Lahore. Kurz überlegen wir die restlichen 400 Kilometer bis kurz vor die indische Grenze durchzufahren, bemerken aber nach wenigen Sekunden, dass das nach 11 Stunden Fahrt sicher keine gute Idee ist. Allerdings geben wir uns nicht damit zufrieden hier am Kreisverkehr einfach abgestellt zu werden. Nach Langem Hin und Her wird eine städtische Polizeieskorte für uns organisiert. Die eineinhalb Stunden Wartezeit nutze ich im Auto um wieder runter zu kommen. Max lernt die Besatzung der Limousine kennen. Zwei Chinesen und ein Pakistani mit dem Vorhaben einen Solarpark in der Nähe zu errichten. Das nette Straßenrandgespräch wird von unsere nächsten Eskorte gesprengt und die letzten Kilometer des Tages sind nicht minder aufregend und gefährlich als die Vorigen. Mit Blaulicht, Sirene und mit dem Gewehr um sich schlagenden Polizisten quetschen wir uns durch überfüllte Basarstraßen zu unserem auserkorenen Hotel. Endlich angekommen haben wir genug von Eskorte und Hetzerei. Dass unser Hotelzimmer kein Fenster hat ist uns nach zwölf Stunden Fahrt auch komplett egal.
Nach unserem dritten Eskortentag im Land wünschen wir uns eine Taliban-freie Welt, denn Pakistan hätte als sicheres Reiseland so viel zu bieten und es ist wirklich traurig hier so schnell durchfahren zu müssen. 
Google Maps hat sich übrigens auch wieder minimal um gut sieben Stunden verschätzt was die realistische Fahrzeit hier im Land betrifft.











13. November 2013

Tag 68 - Abgefahrenes Pakistan

11.10.2013


Quetta - Sukkur: 400 km; 5 h 45min lt. Google Maps


Pünktlich um 7.00 Uhr morgens sitzen wir im Auto und die Polizei nimmt uns in Empfang. Die Stadt schläft noch. Nur am staubigen Straßenrand stehen mürrisch dreinschauende, Turban tragende, langbärtige Männer in braunen Gewändern. Von entspannter Atmosphäre fehlt jede Spur. Erst kurven wir einem Moped, dann einem Pick-Up hinterher. Gekrönt wird die Eskorte erneut durch einen Minipanzer zu dessen Dachluke ein Anti-Terrorist-Force-Mitarbeiter mit dem Maschinengewehr herausschaut. 


Nachdem die Stadtgrenze Quettas hinter uns liegt befinden wir uns wieder in bergiger Wüstenlandschaft. Die städtischen Sicherheitsbeamten übergeben uns an die nächsten Kollegen. Zunächst ist wieder Warten angesagt. Erst nach einiger Zeit bemerken wir, dass ein Riesenkonvoi zusammengestellt wird. Vorn und hinten Polizei, als Erste wir und dann ungefähr 10 bis 15 LWK mit wohl brisanter Ladung. Die Fahrzeugschlange bewegt sich mit einer sagenhaften Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h durch gefährliches Gebiet. Wir vermuten, dass wir so erneut ein gutes Ziel für Terroristen abgeben, aber die Herren werden schon wissen was sie tun. Nach einer Stunde sind wir die lästigen LWK und plötzlich auch unsere Eskorte los. Da sind wir kurz mal unsicher und fahren dann aber weiter. Die Route ist landschaftlich äußerst beeindruckend. Die Straße führt zunächst durch ein Tal inclusive Fluss entlang einer alten britischen Eisenbahnlinie mit unzähligen Tunnels. Irgendwann werden wir auch wieder von der Moped-Polizei eingefangen. Die Eskorte wechselt alle paar Kilometer. Wie gewohnt fährt mal ein Pick-Up mit 30 km/h vor uns, mal einer mit 100 km/h. 




Ab und zu darf ein Polizist auch wieder ins Auto. So werden wir weiter eskortiert bis über den Bolanpass. Hier dürfen wir wieder Pause machen und uns zur Abwechslung in ein dickes Buch eintragen. Tee gibt es auch am Straßenrand. Der Cruiser wird eingehend interessiert vom Sicherheitspersonal inspiziert. Nach etwa einer Stunde taucht ein wenig motivierter Mopedlevie auf. Wir sollen diesmal voraus fahren. Das gestaltet sich allerdings alles etwas schwierig, denn das Moped hat offenbar lediglich eine Spitzengeschwindigkeit von 20 km/h oder der Mann hat keine Lust schneller zu fahren. Auf der kurvigen Bergstraße verlieren wir den Polizisten sogar, drehen um und finden unsere Eskorte mit einem LKW-Fahrer tratschend am Straßenrand wieder. 
Die Sicherheitslage scheint sich zu unseren Gunsten zu entwickeln, jedenfalls sind die Polizisten jetzt wieder entspannt. Auch landschaftlich ändert sich einiges. Es gibt wieder grüne Bäume, Büsche und sogar Palmen zu sehen. Und es ist sau heiß! Gegen Mittag haben wir etwa ein Viertel der Strecke nach Sukkur hinter uns gebracht. In Dhadar besuchen wir auf Geheiß unseres bewaffneten Begleiters die örtlichen Polizeiniederlassungen. In Letzterer wartet bereits der neue Senior Superintendent auf uns und freut sich unsere Bekanntschaft zu machen. An eine Weiterfahrt ist momentan nicht zu denken, da die Straße wegen des heutigen Superintendent-Wechsels aus Sicherheitsgründen blockiert ist. So sitzen wir im Büro des Superintendents und trinken wieder pakistanischen Milchtee. Er hat einige Zeit in Bayern als Interpolmitarbeiter verbracht und einige gute Geschichten auf Lager. Insbesondere der FKK-Bereich im englischen Garten in München hat es ihm angetan. Die deutschen Gemeinschaftsduschen sind ihm allerdings noch immer sehr suspekt. Mit Touristen Zeit zu verbringen scheint sein Hobby zu sein. Er hätte uns gerne zu sich nach Hause eingeladen, dafür fehlt aber wegen eines Termins die Zeit. Die Polizei-Touristenzusammenführungen scheinen legendäre Gelage zu sein bei denen es an nichts mangelt. Wir befinden uns auf jeden Fall in sehr angenehmer lockerer Umgebung und verbringen eine gute Wartezeit. In unregelmäßigen Abständen betreten untergeordnete Beamte den Raum, salutieren auf höchst amüsante Art und Weise und reichen dem Chef Zettelchen oder bedienen die Klimaanlage mit der Fernbedienung, die ungefähr 30 Zentimeter neben seiner Hand liegt. Zwischendurch befinden sich noch zwei befreundete Journalisten im Raum und wir werden mit einem Mobiltelefon fotografiert, warum auch immer. Nach gut zwei Stunden ist die Straße wieder frei und wir werden mit Vollgas von der hiesigen Spezialeinheit an den Ortsausgang von Dhadar eskortiert. 
Die Straßensperre, bestehend aus einem Stapel brennender, stinkender, dunkelschwarz rauchender Autoreifen, ist mittlerweile nahezu gelöscht und über Land geht es anschließend wieder gemächlicher voran. 
Die Wahrscheinlichkeit Sukkur bei Tageslicht zu erreichen geht gegen Null. 
Immerhin verlassen wir auf dem Weg nach Süden die Taliban-Provinz Belutschistan und befinden uns jetzt in der Provinz Sindh. Hier erwartet uns in einer sehr belebten Kleinstadt die spektakulärste Eskorte des heutigen Tages. Zwei Polizisten ohne Gewehre, dafür bewaffnet mit je einem langen Stock, fahren vor uns auf dem Moped her. Wegen Straßenbauarbeiten ist unsere Spur gesperrt und wir versuchen dem wendigen Moped im dichten Gegenverkehr zu folgen. Alles und jeder der uns in die Quere kommt wird sofort mit den bereits erwähnten Stöcken brutal zurechtgewiesen. Wer nicht pariert wird verhauen. Die zwei Polizisten schreien, pfeifen und schlagen wie wildgewordene Dirigenten auf Autos, Karren, LKW, Tiere und Menschen ein und uns ist das alles in höchstem Maße peinlich. Nach ca. 15 Minuten ist diese äußerst bizarre Vorstellung glücklicherweise beendet.



Jetzt realisieren wir erst richtig die Veränderung unserer Umgebung. Es ist viel grüner, noch heißer und feuchter geworden. Wir fahren an riesigen Reisfeldern und Palmenhainen vorbei. Auch die Menschen sind bunter gekleidet und seit Langem sehen wir wieder Frauen, sogar ohne Kopftuch, auf der Straße. Außerdem ist es Pflicht als echter Pakistani einen farbenfrohen, geschmückten, völlig überladenen fahrbaren Untersatz mit Musikanlage und enormer Hupe zu besitzen. Pakistan ist wirklich abgefahren!




Echte pakistanische Sackkarre!



















Der Zustand der Straße wechselt von gut ausgebaut zu feldwegartig und allen nur denkbaren Zwischenstufen. Kurz vor Sukkur ist nicht nur erneut die Sonne sondern auch unsere Eskorte verschwunden. Gerade jetzt wo sie doch beide so hilfreich für uns wären ein Hotel zu finden. Die Sicht in der staubigen Stadt ist unglaublich schlecht. Nur schemenhaft ist die Umgebung zu erahnen. Außerdem sind unzählige unbeleuchtete Verkehrsteilnehmer und Fußgänger unterwegs. An einem Militärposten fragen wir nach der nächstgelegenen Unterkunft. Diese befindet sich zum Glück nur ein paar hundert Meter entfernt. Leider handelt es sich hier um das teuerste Hotel der Stadt, das Pak Inn. Nach dieser langen, krassen Fahrt sind wir trotz des Touristen-Zimmerpreises von 52 Euro nicht mehr in der Lage eine andere Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemals jemand nach Sukkur kommt, sucht euch auf jeden Fall ein anderes Hotel! 
Die errechnete Fahrzeit haben wir erneut um mehr als das Doppelte überschritten.