25. Dezember 2013

Tag 79 - 83 Indien: Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt..

22.10. - 27.10.2013

Amritsar - Chandigarh - Murni Village - Nahan - Dehra Dun - Roorkee - Haridwar - Kashipur - Udam Singh Nagar - Banbasa - Nepal


Nach langer Sightseeing-Pause nehmen wir uns in Amritsar an unserem ersten echten Tag in Indien das berühmte und wichtigste Sikh-Heiligtum, den Goldenen Tempel im Stadtzentrum vor. Unser Park-Wohnplatz auf dem Anwesen des Guest House liegt außerhalb und die erste Aufgabe des Tages ist ein Transportmittel zu finden. Direkt vor dem Tor steht ein Mann mit seiner Fahrradrikscha. Der Einfachheit halber steigen wir auf die außerordentlich unbequeme, für europäische Maße definitiv zu kleine Sitzbank und der dünne, lange Mann beginnt schwer zu treten um uns ans Ziel zu bringen. Es ist heiß und der arme Kerl schwitzt wie verrückt. Der Verkehr und das Stadtleben sind indisch, aber weniger chaotisch als erwartet. Ich bin während der Fahrt hauptsächlich damit beschäftigt nicht von der stark gewölbten Bank auf die Straße zu rutschen und wir kommen uns beide sehr komisch vor so chauffiert zu werden. Nach zwanzig Minuten erreichen wir das Zentrum, der Mann tut uns leid und bekommt ein gutes Trinkgeld. Wir beschließen nie wieder Fahrradrikscha zu fahren. 


Die Straße zum Tempel ist gesäumt von mehr oder minder aufdringlichen Wagah-Border-Touristenschleppern, die wir guten Gewissens alle abwimmeln können. Eine Beschilderung der Hauptsehenswürdigkeit existiert nicht, aber der Zugang ist aufgrund der Masse an Pilgern und Touristen gut erkennbar. Erst geben wir unsere Schuhe ab und dann geht es barfuß weiter über ziemlich ranzige, feuchte, schwammartige Gummimatten. Sehr heilig ist das alles nicht. Am Ende der mit Bauzäunen eingefassten Mattengasse ist aus religiösen Gründen die Bedeckung des Hauptes und eine Fußwäsche erforderlich. Ich bin das Kopftuch noch gewöhnt und das Fußbad ist auch sehr erfrischend. Max muß sich ein nettes orangenes Häubchen aufsetzen und ist daraufhin offensichtlich so verwirrt, dass er die Füße vergisst. Der postierte, mit einem Speer bewaffnete, Wachmann bemerkt das augenblicklich und drängt Max sanft ins Wasser zu steigen. Mit adäquater Kopfbedeckung und nassen Fußes betreten wir die Anlage. Was für Chak-Chak im Iran gilt kann man hier nur aufgreifen: an diesem Ort herrscht ein großes Maß an Harmonie! 




Vom Stadtlärm ist nichts zu hören, nur sanfte Klänge die aus den Lautsprechern säuseln und es ist beeindruckend sauber. Sicher eine Stunde genießen wir die Atmosphäre, beobachten die Pilger beim Baden und müssen den heiligen Ort dann leider verlassen um uns auf die Suche nach einem Indienreiseführer und einer brauchbaren Straßenkarte zu begeben. In einem kleinen Buchladen werden wir fündig und treten nach dem ersten guten indischen Essen den Heimweg an. Dieser gestaltet sich deutlich schwieriger als die Anfahrt! Der erste (Motor) Rikschafahrer befördert uns gekonnt durch den Gegenverkehr, allerdings zum falschen Guest House, und läßt uns dann auf dem National Highway zurück. Nach längerem Fußmarsch riskieren wir eine zweite Rikschafahrt. Der Mann hat auch keine Ahnung wo wir hin wollen und kurvt recht dämlich in der Gegend herum. Wir kennen uns glücklicherweise wieder aus und versuchen mit eindeutigen Handzeichen nach rechts und links behilflich zu sein, aber das indische Richtungsgewedel müssen wir wohl noch üben. Nach geraumer Zeit haben wir unseren ersten indischen Tag erfolgreich bewältigt. Kurz vor dem Abendessen biegen plötzlich Gergana und Micha um die Ecke und das WG-Leben wird die nächsten zwei Tage in Amritsar fortgesetzt. Wir schwimmen im Pool, kochen gutes Essen, trinken Bier und kümmern uns ums Auto! Mit grundgereinigtem, versichertem Fahrzeug und endlich ausgestattet mit absolut notwendigen Moskitonetzen sind wir bereit für den großen Rest Indiens!!!!

Mrs. Bhandari´s Anwesen

Unser Etappenziel für den 24.10. ist die Le Corbusier-Stadt Chandigarh. Der Weg ist nicht weit und wir sind optimistisch. Was uns auf dem National Highway 1 erwartet lässt den Optimismus allerdings sehr sehr schnell schwinden. Auf dem einspurigen „Highway“ reiht sich LWK an LWK, eingestreut wimmeln die Rikschas herum und am Straßenrand fahren unzählige Motorräder, Roller, tierbetrieben Fuhrwerke und Fahrradfahrer. Die Fußgänger sollten natürlich auch erwähnt werden, obwohl sie in der indischen Straßenverkehrsordnung an letzter Stelle stehen. Alle miteinander sind sie wirklich unglaublich idiotisch unterwegs. Mitdenken scheint nicht unbedingt eine ihrer Stärken zu sein. Wir hupen uns so gut es geht vorwärts. Etwa auf halber Strecke passieren wir die wahrscheinlich hääääääässlichste und dreckigste Stadt der Welt: Ludhiana. Unser Tipp an dieser Stelle für alle Indienreisenden lautet: macht einen möglichst großen Bogen um dieses abartige Moloch. Außer ihr möchtet selbst am hellichten Tag einen langen Blick in die Sonne werfen ohne Netzhautschäden zu bekommen! Wir sind entsetzt!!! 



Unser 230 Kilometer entferntes Tagesziel erreichen wir übrigens nicht. Zur Entschädigung für diese beschissene Fahrt können wir für umsonst am Indo-German-Dhaba übernachten und das indische Essen ist fantastisch, obwohl der Tandoori (Ofen) mit Plastikmüll angefeuert wird.
Am nächsten Morgen ist der Cruiser mit uns drin umringt von einer Schulklasse halbwüchsiger Jungs die am Auto hochhüpfen um einen Blick durch den Lüftungsschlitz im Fenster ins Innere zu erhaschen. Max erbarmt sich, steigt aus und manövriert die Bande in einer langen Prozedur in Richtung ihres Busses zurück. Nach etwa einer Stunde ist unsere unfreiwillige Morgenveranstaltung beendet, der Schulbus fährt ab und wir auch bevor die nächsten Zaungäste auftauchen.
Die Sektorenstadt Chandigarh beeindruckt uns kurze Zeit später durch eine strukturierte Straßenführung mit überschaubarem Verkehr und schöne Grünanlagen. Dementsprechend gestaltet sich die Navigation zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten einfach. Inmitten eines nichtasphaltierten Parkplatzgewirres und nachträglich errichteter Zweckbauten ragt Le-Corbusiers, 1955 eröffneter, klassisch-modernistischer High Court of Punjab and Haryana bollwerkartig empor. Die Szenerie ist skurril. Die Strukturiertheit und Geradlinigkeit der durchaus durchdachten Bebauung ist binnen der vergangenen Jahrzehnte ordentlich „indifiziert“ worden. Es wuselt nur so, überall wird Essen gekocht, verkauft und verspeist. Händler bieten alles an was der Gerichtsangestellte, Kläger oder Angeklagte so brauchen kann. Zum Repertoire der Verkäufer zählen z.B. Schreibwaren, Socken, Zahnbürsten, Kopier-, Fax- und Fotoservice u.v.m.. Um dem Trubel und geschäftigen Treiben hier zu entfliehen machen wir uns schnell vom Acker und schlendern durch den nahegelegenen Nek Chand Fantasy Rock Garden, eine aus Schrott und Müll errichtete verspielte Parkanlage. Wir beglücken die indischen Touristen mit unserer Anwesenheit, denn so können sie heute nicht nur Skulpturen sondern auch europäische Touristen fotografieren und besichtigen.






Nach der kurzen Reise durch den überbevölkerten, vermüllten Bundesstaat Punjab/Haryana flüchten wir in die schöne einsame Berglandschaft. Affenbanden, Kuhfamilien und beeindruckende Vegetation sind unsere heutige Belohnung. Das Dörfchen Murni, malerisch in einem Tal an einem See gelegen, sieht von oben sehr verlockend aus. Unten angekommen befinden sich hier außer uns lediglich wenige perplex dreinschauende Dorfbewohner und leere Hotels und Lodges. Ein Haus am Ortseingang macht von außen einen guten Eindruck und wir versuchen unser Glück hier für die Nacht unterzukommen. Der einzige Mann auf dem Grundstück kann kein Wort Englisch, serviert uns Tee im Wintergarten und starrt uns aus eineinhalb Metern Entfernung an während wir schnell beschließen hier sicher nicht zu übernachten. Auf dem Rückweg finden wir ein nettes, kleines Guest House, am Hang gelegen, mit fantastischer Aussicht. Hier genießen wir den Sonnenuntergang und fragen und was wir wohl von Indien und den Indern halten sollen.


Die ersten Kilometer des nächsten Tages sind wundervoll. Eine kleine Bergstraße beglückt uns und den Cruiser. In Nahan angekommen werden wir allerdings aufs Neue mit der indischen Dämlichkeit im Straßenverkehr konfrontiert. Rückwärts fahrende, wendende Autos werden vom gemeinen Inder nicht als Hindernis wahrgenommen und so fahren wir beim Zurücksetzen einen Einheimischen der noch hinter uns durchschlüpfen wollte, mitsamt seinem Motorroller um. Wie das hier so üblich ist steigen wir nicht aus, sondern fahren schnell weg bevor sich der Mob zusammenrotten kann. Keine Sorge, dem Mann und seinem Zweirad ist nichts passiert.
Nach Nahan hat uns der National Highway wieder, den man besser als National Disaster bezeichnen sollte. Indien präsentiert uns hier die tiefsten Schlaglöcher und dreckigsten Straßen und Ortschaften der bisherigen gesamten Reise. Zum Hohn wird hierfür auch noch alle paar dutzend Kilometer Maut verlangt. Irgendwann weigern wir uns zu bezahlen. Unsere Stimmung erreicht den Tiefpunkt im Dehra Duner Feierabendstau. Stau hier bedeutet alle fahren auf allen Spuren gleichzeitig bis die lautstark hupende Blechlawine endgültig zum Stillstand kommt und sich lange Zeit nicht mehr bewegen kann. Gehupt wird trotzdem was das Zeug hält! 



Scheiß auf den großen Gold-Buddah in Clement Town oder sonstige Tempel- und Pilgerstättem, wir wollen so schnell wie möglich nach Nepal!!!!!
Nach etlichen nervigen und gefährlichen Kilometern leuchtet links am Straßenrand in der Dunkelheit ein pinkes „Bar“-Reklameschild auf. Ich sage nur: „ Bar! Max halt hier an, ich will jetzt sofort ein Bier!“ So enden wir am heutigen Abend auf dem Parkplatz des runtergeranzten Hotels Raj am National Highway 72A, trinken Bier und haben keine Fragen mehr. Wenn Indien so bleibt halten wir es hier sicher keine zwei Monate aus!

Früh morgens am 27.10.2013 treten wir die Flucht nach Nepal an. Wir fahren die restlichen 300km in 9 1/2 Stunden ohne zu stoppen und erreichen tatsächlich am späten Nachmittag den nord-indisch - west-nepalesischen Grenzübergang Banbasa/Mahendranagar. Vor lauter Fluchtgedanken und Indienverteufelei haben wir uns keine Gedanken über den Grenzübertritt gemacht. Keine Ahnung von Nepal, keine Ahnung ob wir vor Ablauf der 2-Monatsfrist wieder nach Indien einreisen dürfen und ob wir das überhaupt wollen, keine Ahnung was das Visum kostet und in welcher Währung bezahlt werden muß. Insgesamt komplett ahnungslos stehen wir vor einem verschlossen Tor an einem riesigen Flußbett mit massiver Brücken-Stauwehrkonstruktion. Eine indische Grenzbeamtin erkennt unsere Planlosigkeit, verläßt ihren Holzunterstand und meint: „Park at the side, border opens at five.“ Eigentlich wollten wir ja nur mal schauen, aber unter diesen Umständen verlassen wir Indien halt heute. Je früher desto besser!
Kurz vor fünf öffnet sich das Tor und wir überqueren die massive Grenzbrücke auf einer unglaublich schmalen Fahrbahn mit Gegenverkehr. Drüben erwartet uns eine schöne, neue, leise, bunte Welt ohne Müll und hupende LWK, dafür mit Fahrrädern, Pferdekarren und Kühen im Sonnenuntergang. Die Immigration und Custom Office-Formalitäten in den Außenbüros der Inder sind schnell und gemütlich erledigt. Außerdem erfahren wir, dass wir jederzeit wieder nach Indien einreisen dürfen und nicht in Nepal überwintern müssen. Nicht mehr komplett ahnungslos befreit Max den Cruiser noch schnell von einer Kuhherde und unsere Flucht hat ein Happy End!!!!
Die Niemandslandkilometer sind wunderschön. Das gesamte Grenzgebiet mutet an wie ein ursprüngliches, zersiedeltes Dorf. Vor lauter Glückseeligkeit verpassen wir beinahe die nepalesische Einreisebehörde in Form eines Einfamilienhauses mit Verandabüro. Schnell ist das Visum in indischen Rupees bezahlt und falsch rum in den Pass geklebt. In der nächsten Hütte gibt es genau so schnell den Carnetstempel und wir verbringen unsere erste Nacht in Nepal überglücklich und auf Einladung des Immigration Officers im Vorgarten der Einreisebehörde!

große Brücke - schmale Fahrbahn

Übernachtung vor dem Immigration Office

F R O H E  W E I H N A C H T E N  +  E I N  G U T E S  N E U E S  J A H R  2 0 1 4

G R Ü S S E  A U S  G O A

27. November 2013

Tag 78 - Wagah Wagah

21.10.2013

Lahore - Amritsar

Mittags verlassen wir Lahore, nachdem wir das Auto im Parkhaus wieder gefunden haben. Nur etwa 25 Kilometer trennen uns von der indischen Grenze. Die Fahrt durch die Außenbezirke der Stadt macht richtig Spaß und wir sind gespannt was uns an und auf der anderen Seite der Grenze erwartet!
Die Ausreise aus Pakistan ist schnell erledigt, lediglich das bereits bekannte Computerproblem bestimmter Beamter bringt eine kleine Verzögerung mit sich. Nach dem Verlassen des Immigration Office säumen plötzlich leere Tribünen rechts und links die Fahrbahn. Ein letztes Mal zeigen wir einem pakistanischen Beamten unsere Pässe und dürfen weiter nach Indien. Hier befinden sich ebenfalls leere Tribünen, allerdings noch viel überdimensionierter. 



Im indischen Immigration Office sieht die Sache schon ganz anders aus. Zunächst wird die Personenregistrierung durchgeführt. Anschließend kommt das Gepäck auf dem Dach an die Reihe. Alles wird aus der TopBox ausgeräumt und durch den Röntgenapparat geschoben. Zweimal ist Stromausfall, aber nur kurz. Unser magnetisches Moskitonetz sorgt für große Verwunderung, aber wir dürfen es behalten. Danach werden wir mit indischem Milchtee verwöhnt. Der Tee dient allerdings nur zur Stärkung für die weitere Kontrollwut der Inder. Max fährt das Auto vom Parkplatz auf eine Grube und dann heißt es: "All out!" Wie gewünscht wird der ganze Wagen leergeräumt. Alles wird kontrolliert, sogar die Türverkleidung wird abgenommen. Danach vergnügen sich zwei Drogenhunde auf unseren Matratzen und im Auto. Währenddessen spiele ich das "All-Out"-Spiel mit unserem Gepäck aus der TopBox. Alle Taschen werden ausgeräumt und von zwei Beamten kontrolliert. Die besagten Drogenhunde finden unsere Schmutzwäsche wesentlich interessanter als alles Andere. 
Da ein leeres Auto deutlich besser zu reinigen ist als ein vollgepacktes beginnt Max auf der behördlichen Grube den äußerst sandigen Wagen auszukehren. Wir haben es nicht besonders eilig. Die ausführliche Reinigungsprozedur stößt bei den Grenzbeamten nach einiger Zeit auf Missmut, da es bereits Zeit für die allabendliche Grenzschließung ist. Wir werden gebeten unser Gefährt wieder zügig zu beladen und doch der berühmten Wagah Border Closing Ceremony beizuwohnen.
Gesagt getan. Das Auto ist geparkt, wir sind "indifiziert" mit Fähnchen und Flagge im Gesicht, und eine halbe Stunde später sitzen wir mit geschätzten 2000 Indern auf den nun nicht mehr leeren Tribünen. Dann beginnt das große Tamtam! Ein indisches Ali G-Double im weißen Jogginganzug heizt die Menge an. Lautes Geschrei tönt aus riesigen Lautsprechern und dann stürmen die Grenzsoldaten in Paradeuniform im Gleichschritt Richtung Grenztor. Die Menge tobt, die Landesflaggen werden eingeholt und das Grenztor wird geschlossen. Die ganze Zeremonie dauert gute zwei Stunden und es ist kaum vorstellbar, dass dieses Theater jeden Abend aufs Neue stattfinden soll.
Das übertriebene Drohgehabe der verfeindeten Nationen amüsiert uns eher als dass es angsteinflößend wäre. Nach soviel muslimischer Zurückhaltung der letzten Wochen freuen wir uns über den offen ausgelebten Enthusiasmus der Inder. 









Höchst zuversichtlich kehren wir zum Auto zurück und fahren zusammen mit allen anderen Zeremonieteilnehmern mal wieder im Dunkeln in Richtung Amritsar. Mit einiger Hilfe finden wir dort Mrs. Bhandari`s Guest House und freuen uns auf unsere Zeit in Indien!

Tag 71 - 77 Entspannungsurlaub in Lahore


14.10. - 20.10.2013

Lahore

Die letzten fünf Tage waren mit großem Abstand die aufregendsten, anstrengendsten und vermutlich auch die gefährlichsten in unserem Leben! 
Wir sind erleichtert, dass die Pakistan-Eskorten-Rally jetzt beendet ist und niemand Schaden genommen hat. Um wieder auf Normalbetrieb umzuschalten und die Erlebnisse der vergangenen Woche zu verarbeiten ist eine Pause dringend erforderlich.
Für diese Zwecke eignet sich die Dachterrasse unseres Hostels hervorragend. Hier hängen wir die ganze Woche herum und haben Spaß mit Gergana und Micha aus Magdeburg, Saddam unserem „Hostelguard“ aus dem Norden Pakistans und seinen Freunden. Die zwei verrückten Magdeburger sind mit dem Fahrrad da und sitzen in Lahore fest bis ihr Indienvisum endlich ausgestellt wird. (velo7.net)

DIE Dachterrasse

Nach kurzer Zeit haben wir hier eine sehr lustige Wohngemeinschaft sogar mit Katze etabliert. Hilflos schreiend finden wir das kleine Tier mutterlos und fast verhungert unter einem ausrangierten Bettgestell und kümmern uns um das Baby um nicht nur nutzlos rumzulungern. Durch regelmäßige Fütterungen und Ausscheidungsstimulationen entwickelt es sich binnen einer Woche prächtig. Leider müssen wir es am Abreisetag seinem pakistanischen Schicksal überlassen.



Unsere Ausflüge ins chaotische Innenstadtleben unternehmen wir meist nur zum Essen holen auf der Straße. Die pakistanische Küche ist übrigens sehr gut, äußerst preiswert und in der Regel scharf. Über die verwendeten Zutaten und deren Aufbewahrungs- und Zubereitungsformen machen wir uns besser keine Gedanken. 
Um die kleinen Imbissbuden oder die berühmte Chaman-Eisdiele zu erreichen verfeinern wir täglich unsere, auf der Reise, neu gewonnene Gabe zweispurige Straßen im fließenden Verkehr zu überqueren. Oberstes Gebot hierbei ist einfach niemals stehen zu bleiben. Und die Nutzung gewisser Handzeichen ist auch sehr hilfreich. An den letzten Ort mit Fußgängerampel oder Zebrastreifen kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.
Immer wenn wir unsere sichere Unterkunft für wenige Minuten verlassen geraten wir mit 100%iger Sicherheit in seltsame aber amüsante Situationen. Die Fotografiererei sind wir schon gewöhnt, aber mitten auf der Straße minutenlang von einem Wildfremden gesegnet zu werden ist sehr befremdlich. Auch die Bargeldbeschaffung wird schnell zur wilden Rikscha-Erlebnisfahrt. Wir erhalten mehrfach eine Einladung zum christlichen, englischsprachigen Gottesdienst in der Nachbarschaft, wohlgemerkt immer vom selben netten Staubsaugervertreter. Wir entscheiden uns aber dagegen, da christliche Gotteshäuser nicht unbedingt die sichersten Aufenthaltsorte in Pakistan sind. Als „English“, so werden hier der Einfachheit halber alle Ausländer genannt, hat man in der freien Wildbahn wirklich keine ruhige Minute. Die einheimische Bevölkerung ist aber ausnahmslos sehr interessiert, freundlich zugewandt und immer darauf aus die eigenen Englischkenntnisse zu verbessern. 





Vier Tage unseres Aufenthaltes herrscht Ausnahmezustand in der Stadt wegen des muslimischen Opferfestes. Jeder gute Moslem der was auf sich hält opfert zu diesem Anlass ein Tier und ballert Freundenschüsse in die Luft, mitten in der Stadt. Platzpatronen gibt es hier natürlich keine. Da unsere Terrasse zum Großteil überdacht ist sind wir vor herabfallenden Kugeln glücklicherweise gut geschützt und Querschläger haben es auch nicht ganz so einfach uns zu erreichen. Tatsächlich gewöhnt man sich auch an Maschinengewehrsalven zu jeder Tages- und Nachtzeit. 
Aufgrund der ganzen Festivalstimmung geraten auch wir in Feierlaune. In Pakistan ist es für Nicht-Muslime und Touristen erlaubt Alkohol zu kaufen und auch zu konsumieren. Für die erste Dachterrassenparty schafft der katholische „Worker“, ein Typ der für die Wäsche im Hostel zuständig ist, kleine Plastikflaschen mit Vodka und Whiskey an. Für uns alle ist das seit langer Zeit der erste Alkohol und dementsprechend funktioniert der Schnaps auch ganz gut. Wir hören lautstark Musik und tanzen sogar. Unsere Sorge vielleicht die Nachbarn zu stören wird von Saddam nur mit den Worten kommentiert: “You are in Lahore, it depends on you what you do!“ Hier macht in der Tat einfach jeder was er will. 



Da der Schnaps zu hart ist steigen wir zur zweiten Feier auf pakistanisches Bier um. Dies zu beschaffen ist eine Aufgabe für Micha und Max. Das Bier gibt es nicht im Laden zu kaufen sondern man ersteht es an einer Hotelbar. Soweit so gut. Ein Hotel in der Nähe wird ausgewählt und die Herren machen sich auf den Weg. Nachdem die Zwei die bewaffneten Wächter des Hoteltores passiert haben finden sie sich im absoluten Luxus wieder. Sie äußern ihr Anliegen recht verhalten an der besagten Bar. „Oh! You are to late, the bar is closed, hm, but wait!“ ist die Reaktion des Angestellten. Nach kurzer Zeit werden die beiden aufgefordert einem Mann zu folgen. Der Weg führt durchs noble Hotelrestaurant hinaus in den Garten. Garten ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, man sollte die Außenanlage eher als Park bezeichnen. Der Rasen sieht aus als hätten man ihn mit der Nagelschere geschnitten. Wahrscheinlich handelt es sich hier um ein Relikt aus britischer Kolonialzeit. In einer dunkleren Ecke des Parks befindet sich eine Art größerer Abstellraum. Den betreten Max und Micha und sind sehr überrascht. Innen stehen überall Kartons mit unterschiedlichsten alkoholischen Getränken bis unter die Decke gestapelt und sie sind nicht alleine im Raum. Etliche Pakistani drängen sich umher und erledigen ihre Besorgungen. Nachdem die Biersorten Murree Strong, Stronger und Strongest ausgewählt sind wird die Biermission an einem kleinen Schreibtisch mit der Bezahlung beendet und der Heimweg angetreten. Das Bier gehört sicher nicht zu den besten der Welt, aber nach einer Dose schmeckt es dann doch ganz gut und erfüllt seinen Zweck.


Um nicht völlig als Kulturbanausen dazustehen und Pakistan ohne Sightseeing zu verlassen entschließen wir uns an einer Sufi-Nacht teilzunehmen. Die Anhänger des Sufismus veranstalten in ihrer Tempelanlage jeden Donnerstag einen Tanz- und Musikabend zu dem auch Nicht-Derwische zugelassen sind. Mit der Rikscha fahren wir quer durchs nächtliche Lahore und erreichen den Tempel. Auf der Straße werden Schmuck, Kleidung und natürlich Essen angeboten und es herrscht gehöriger Andrang am Tempeleingang. Von außen sind bereits die Trommeln und Gesänge zu hören. Mit unserem Rikschafahrer betreten wir den Tempel. Hierbei handelt es sich um ein rechteckiges Gebäude mit nicht sonderlich geräumigem Innenhof. An den Ecken befinden sich bunt geschmückte, begehbare, vergitterte Schreine. Erst werden wir in einen dieser Schreine gesetzt. Da hier eindeutig zu wenig Platz ist bewegen wir uns Richtung Innenhof. Hier herrscht allerdings auch schon ordentlicher Platzmangel. Dicht gedrängt sitzt das Publikum am Boden. Wir werden vor einem Schreineingang auf der dazugehörigen Treppe platziert. Max hat im Nu einige neue Freunde und der Mann links neben mir ist auch ganz schön auf Kuschelkurs. So sitzen wir da, eingequetscht aber beeindruckt über die Trommelkünste und Gesänge der Sufis. Direkt vor uns sind die Derwische in ihren Tanz vertieft, drehen sich wie verrückt im Kreis, stampfen mit den Füßen und schütteln in Trance den Kopf auf völlig unnatürliche Art und Weise. Die Atmosphäre ist überwältigend. Wir bekommen, wie alle anderen Gäste, Wasser aus einer Tonschale gereicht. Aus der Sammelschale zu trinken kostet ein wenig Überwindung, aber der langbärtige alte Mann lässt nicht locker bis man einen Schluck davon genommen hat. Zur Belohnung gibt es kurz darauf den besten pakistanischen Milchtee der ganzen Reise aus einer eigenen Tasse. Unsere Nachbarn versorgen uns mit Knabbereien und Süßigkeiten. Die Musiker spielen und die Derwische tanzen pausenlos und man wird vom Sufi-Gesamtkunstwerk in den Bann gezogen. Je später der Abend, desto ausgeprägter die Orgie. Die Trancezustände einiger Gäste sind mit Sicherheit durch den massiven Haschischkonsum und weniger durch die Musik ausgelöst. Ungefähr drei Stunden vergehen wie im Flug und wir werden leider viel zu früh von unserem Rikschafahrer wieder abgeholt. Das Spektakel ist auf jeden Fall empfehlenswert!



Uns fällt es nach einer Woche schon ein bißchen schwer Lahore zu verlassen, aber wir sind jetzt hoffentlich genug gestärkt für das weithin bekannte indische Chaos.

Das traumhafte Regale Internet Inn
"unsere" Straße
Abschiedsfoto - der Typ neben Saddam hat sich eingeschlichen

23. November 2013

Tag 70 - Endspurt


13.10.2013

Multan - Lahore

Und täglich grüßt das Murmeltier. Morgens gegen acht klingelt das Telefon in unserem Zimmer. Wir sind überrascht, vor allem weil wir nie für möglich gehalten hätten das dieses vermeintlich kabellose, vergilbte Gerät in der Ecke tatsächlich funktionsfähig ist. „Police is waiting for you!“ verkündet der Rezeptionist. Unser Plan ohne Eskorte weiter zu fahren geht also nicht auf. Andererseits sind die Polizisten sehr hilfreich einen Geldautomaten und eine Tankstelle für uns ausfindig zu machen. Einer leiht uns sogar die erforderlichen 1400 pakistanischen Rupees um unsere Hotelrechnung zu begleichen. Jetzt sind wir alle wieder flüssig und machen uns auf den Weg nach Lahore. Auf dem Weg durch die Stadt stoppt unser Begleitfahrzeug unter einer Brücke. Max geht auf Anweisung erstmal Wasser und Kekse kaufen. Dann warten wir, worauf auch immer. Nach 45 Minuten taucht ein Mann am Fenster auf. Er stellt sich als „Touristenbeauftragter“ der örtlichen Behörde vor, sieht aber eher wie ein Schlachter aus einer nahegelegenen Metzgerei aus. Unsere vier Polizisten teilen unsere Verwunderung nicht, so händigen wir dem Schlachter unsere Pässe aus um Kopien anzufertigen. Nach etwa zehn Minuten ist der Mann erstaunlicherweise schon zurück und gibt uns die heiligen Dokumente wieder. Er ist wohl tatsächlich der „Touristenbeauftragte“. Um weitere Wartezeit zu überbrücken werden wir zu Fuß unter der Brücke hindurch auf die andere Straßenseite eskortiert und besichtigen die dort ansässigen Grabstein-Steinmetzwerkstätten. Multan ist offensichtlich bekannt für deren Arbeiten, jedenfalls ist der „Tourist“-Officer davon überzeugt. Wir kommen uns sehr komisch vor mit den sechs bewaffneten Polizeibeamten in den kleinen Werkstätten herum zu stehen. Kurz nach Besichtigungsbeginn endet diese skurrile Situation, wie schon so oft, abrupt und die Fahrt nach Lahore wird fortgesetzt. 
Der Highway ist überdurchschnittlich gut ausgebaut und führt dutzende Kilometer an Baumwollfeldern vorbei. Die Eskorte ist auch verhältnismäßig vernünftig unterwegs. Wir fahren mittlerweile nur noch ohne viel auf die Umgebung zu achten um endlich unser Ziel zu erreichen.
Nach insgesamt sechs Stunden verabschieden wir uns, wohlgemerkt bei Tageslicht, vor den Toren Lahores von der Polizei!!!!! Wir haben dazugelernt und suchen unsere Unterkunft lieber selber.
Kurze Zeit später finden wir uns im Stau wieder. Der Highway Nr. 5 wird heute auch als Viehmarkt genutzt. Auf jeder freien Fläche neben und auf der Straße werden Ziegen, Schafe, Kühe, Büffel, Hühner und Kamele hübsch mit Blumen geschmückt und farbenfroh verziert zum Kauf angeboten und das Interesse ist immens! 


Die zweispurige Fahrbahn ist voll von stolzen Tierbesitzern einschließlich ihrer neuen Schützlinge. Die Viecher werden in jeder nur erdenklichen absurden Art und Weise transportiert Ziegen und Schafe kommen in der Regel zwischen die Großfamilienmitglieder auf das Moped. Hühner hängen zu Hauf am Lenker. Größeres Getier wie Kühe und Büffel werden auf Minilaster gepfercht. Manche Fahrzeuge drohen sekündlich aufgrund der lebendigen Last zu kentern. Aber alles geht gut. Auch die kleine Rikscha die sich mit dem Cruiser anlegt übersteht ihren Auffahrunfall unbeschadet. Die Geräuschkulisse der hupenden Fahrzeuge und Tiere ist unbeschreiblich. Am allerschönsten sind die Kamele anzusehen. Zu groß für pakistanische Transportmittel tänzeln sie gut gelaunt und bunt geschmückt an der Leine hinterher. Trotz Stau freuen wir uns! Ein pakistanischer Stau ist übrigens keinesfalls mit einem deutschen zu vergleichen. Man steht nicht nur rum und wartet bis es weiter geht. Jeder versucht wild hupend vorwärts zu kommen, auch wenn dieses Unterfangen komplett sinnlos ist wegen des Platzmangels. Jeder Millimeter wird hier ausgenutzt und aus zwei Spuren werden im Nu vier bis fünf. Ich warte nur darauf, dass uns die Kuh aus dem vergitterten Minilaster vor uns auf die Motorhaube macht. 






Der Cruiser bleibt unbeschadet und nach dem Viehmarktstau offenbart sich uns ein schönes, sauberes, vor allem grünes Lahore! Wir sind sehr positiv überrascht über die zweitgrößte Stadt Pakistans mit erneut 16 Millionen Einwohnern. Hier sehen wir nach knapp 2000 Kilometern sogar die erste Ampel im Land!
Ohne Einkreisen finden wir unser ausgewähltes Hostel, das Regale Internet Inn mitten im Zentrum. Hier lernen wir Saddam kennen, parken das Auto im verrücktesten Parkhaus dass wir je gesehen haben und sind endlich da!


Tag 69 - Sindh-Punjab-Hetzerei


12.10.2013


Sukkur - Multan: 468 km; 5 h 18 min lt. Google Maps



Pakistan zu durchqueren ist keine sonderlich gemütliche Angelegenheit. Außerdem scheint das Risiko Talibanopfer zu werden tagsüber deutlich größer zu sein als nachts. Jedenfalls werden wir gleich morgens beim Kaffee trinken von der Polizei abgeholt um unsere Reise fortzusetzen. Ein netter Hotelangestellter schenkt uns zum Abschied noch ein paar Blümchen und los gehts.


Unsere Route führt nach Nordosten, am prächtigen Indus entlang. Die Eskorten wechseln jetzt zum Glück meist fliegend mit kurzer Begrüßung und Verabschiedung im Vorbeifahren. Auch die bunten Bücher sind nicht mehr so verbreitet wie die Tage zuvor. Wir dürfen sogar kurze Strecken ohne Polizeischutz zurücklegen. Zu Beginn verunsichert uns die Abwesenheit der bewaffneten Begleiter sogar etwas. Aber die Umgebung und die Menschen hier machen wirklich keinen sonderlich bedrohlichen Eindruck. Wir sind mal wieder die absolute Attraktion, vor allem wegen des linksgesteuerten Cruisers. Die Landschaft wechselt zwischen üppigem Grün und Wüste. So kommen wir in den Genuss eines echten Sandsturmes. Da wir ohne Klimaanlage und fast immer mit offenen Fenstern unterwegs sind machen die paar Kilo zusätzlichen Sands im Auto den Braten jetzt auch nicht mehr fett. Dreckig sind wir sowieso schon seit geraumer Zeit und unsere Kleider haben wir das letzte Mal vor vier Tagen gewechselt. Duschen hilft lediglich passager das Wohlbefinden etwas zu steigern.
Gegen elf Uhr erreichen wir die Provinzgrenze Sindh-Punjab. So gut ging es bisher noch nie voran. Der Eskortenwechsel dauert auch nicht lange und die neuen Jungs sind sehr vernünftig unterwegs. Wir sind guter Dinge unsere Fahrt heute, wie offiziell per N.O.C. angeordnet, bei Tageslicht in Multan zu beenden. 
Nach zwei Stunden sind wir hundert Kilometer weiter und die „No-Fear“-Sondereinsatztruppe im Fahrzeug vor uns hat Hunger oder will uns näher kennen lernen. Also halten wir recht abrupt an einem der unzähligen Straßenrestaurants und werden mit unseren fünf Polizisten in einen abgetrennten Raum mit Ventilator verbracht. Dann wird aufgetischt: es gibt Linsen mit Brot, Suppe und farbenfrohen süßen Reis, dazu wird Pepsi serviert. Der Milchtee zum Abschluß des Mahls darf natürlich auch nicht fehlen. Die Männer sind, wie übrigens alle Polizisten und Einheimischen bisher, ausnahmslos sehr nett, zuvorkommend und interessiert. Die Stimmung in unserem Hinterzimmer ist ziemlich ausgelassen. Nach dem Essen stoßen noch einige Kollegen der Männer zu uns und es beginnt ein mindestens halbstündiger sauwitziger Fotomarathon. 





Satt und amüsiert fahren wir weiter und wiedermal dem Sonnenuntergang entgegen. Wie sollte es auch anders sein. Die vorletzte Eskorte des Tages hat es in sich. Nach einer Mautstelle wird uns klar gemacht, dass es ab sofort im Konvoi weiter geht. Vor uns steht eine weiße Limousine, die Insassen können wir nicht erkennen. Wir mutmaßen aber, dass es sich um wichtige Personen handeln muß, denn jetzt geht die Hetzerei erst richtig los. Wir brettern mit 100 km/h ohne jeglichen Sicherheitsabstand durch Dörfer und Kleinstädte. Der Polizei-Pickup an der Spitze fährt kontinuierlich mit Blaulicht und Sirene, der hinter uns leider nicht. Für die anderen Verkehrsteilnehmer sind wir unter diesen Bedingungen nicht als Konvoi zu erkennen. Dementsprechend drängen sich immer wieder andere Fahrzeuge zwischen uns, erkennen dann ihren Fehler, und so kommt es unweigerlich zu recht riskanten Brems- und Überholvorgängen. Noch dazu ist es mittlerweile dunkel geworden und die nicht illuminierten Karren, Mopeds, Menschen und Tiere um uns herum schweben in Lebensgefahr ohne es zu wissen. Das Fehlen einer Autoversicherung macht die ganze Geschichte noch wesentlich spannender. Circa zwei Stunden dauert der nervenaufreibende Spaß. Währenddessen vergeht kaum eine Minute ohne Stress und Adrenalinschub. 
Endlich erreichen wir Multan. Besser gesagt einen riesigen Kreisverkehr mit massivem Stau 20 Kilometer vor der pakistanischen Millionenmetropole. Unsere Eskorte hält am dunklen Straßenrand zwischen Bauschutt, Läden und dem Highway an und teilt uns kurz mit den Worten „You want to go to Multan? Here it is.“ mit dass wir unser Ziel erreicht haben. Der Polizeiwagen fährt mit der ominösen weißen Limousine weiter nach Lahore. Kurz überlegen wir die restlichen 400 Kilometer bis kurz vor die indische Grenze durchzufahren, bemerken aber nach wenigen Sekunden, dass das nach 11 Stunden Fahrt sicher keine gute Idee ist. Allerdings geben wir uns nicht damit zufrieden hier am Kreisverkehr einfach abgestellt zu werden. Nach Langem Hin und Her wird eine städtische Polizeieskorte für uns organisiert. Die eineinhalb Stunden Wartezeit nutze ich im Auto um wieder runter zu kommen. Max lernt die Besatzung der Limousine kennen. Zwei Chinesen und ein Pakistani mit dem Vorhaben einen Solarpark in der Nähe zu errichten. Das nette Straßenrandgespräch wird von unsere nächsten Eskorte gesprengt und die letzten Kilometer des Tages sind nicht minder aufregend und gefährlich als die Vorigen. Mit Blaulicht, Sirene und mit dem Gewehr um sich schlagenden Polizisten quetschen wir uns durch überfüllte Basarstraßen zu unserem auserkorenen Hotel. Endlich angekommen haben wir genug von Eskorte und Hetzerei. Dass unser Hotelzimmer kein Fenster hat ist uns nach zwölf Stunden Fahrt auch komplett egal.
Nach unserem dritten Eskortentag im Land wünschen wir uns eine Taliban-freie Welt, denn Pakistan hätte als sicheres Reiseland so viel zu bieten und es ist wirklich traurig hier so schnell durchfahren zu müssen. 
Google Maps hat sich übrigens auch wieder minimal um gut sieben Stunden verschätzt was die realistische Fahrzeit hier im Land betrifft.